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Klassiker der Comic-Literatur : Gebrauchsanleitung für den Corto-Kosmos

Die Handlung setzt ein am 1. November 1913, und der Weltkrieg des kommenden Jahres wirft seine Schatten schon bis Mikronesien. Die Kolonialmächte belauern sich gegenseitig, und der Monaco kungelt mit allen Seiten. Aber das weltpolitische Geschehen ist nur der Rahmen für ein Psychogramm von sämtlichen Akteuren, die Pratt alle als gleichermaßen durch Schicksalsschläge vereinsamte und melancholische Figuren inszeniert - mit der Ausnahme des skrupellosen Rasputin, dem es nicht um höhere Werte, sondern einzig um den eigenen Vorteil geht. Für diese gleichermaßen epische wie persönliche Erzählweise war das italienische Publikum noch nicht reif. „Una ballata del mare salato“ wurde zwar abgeschlossen, blieb aber ohne Wirkung, und im Januar 1970 ging auch „Sgt. Kirk“ ein. Pratt stand vor dem Nichts.

Unverbindliches Interesse

Doch 1968 hatte er auf dem damals einzigen Comic-Festival in Europa, dem Salon von Lucca, die französischen Verleger des Comic-Magazins „Pif“ kennengelernt und ihnen die „Südseeballade“ für deren Heft schmackhaft machen wollen. Mehr als unverbindliches Interesse hatte er damit nicht geweckt, aber nach dem Aus für „Sgt. Kirk“ war das die einzige Option auf ein neues Publikationsforum. Pratt fuhr nach Paris, und obwohl sich im Verlag niemand mehr an ihn erinnerte, erhielt er den Auftrag, für „Pif“ eine Serie zu entwickeln - auf eigenes Risiko. Den Abdruck der abgeschlossenen „Südseeballade“ hatte man abgelehnt; sie schien zu umfangreich, und die italienische Resonanz auf ihre Publikation verhieß nichts Gutes. Aber der Seefahrer Corto Maltese hatte dem Chefredakteur gefallen. So stellte Pratt nun diese Figur in den Mittelpunkt der neuen Geschichten, die er für „Pif“ zeichnete.

Schon im April 1970 erschien die erste davon. Auf Anraten des Verlags wählte Pratt nach dem Exzeß der „Südseeballade“ nun eine knappe Form: novellenartige Erzählungen in einer Länge von jeweils zwanzig Seiten, die Corto Maltese diesmal nach Südamerika verschlugen. Die Leser waren begeistert. Der rätselhafte Charakter des einerseits poetisch veranlagten, andererseits eiskalten Kapitäns wurde in Verbindung mit der schwarzweißen Strenge und der grandiosen Leichtigkeit von Pratts Pinselführung als Idealbild eines geheimnisvollen Helden empfunden, der perfekt in die Szenerien aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert paßte. Pratt hatte aus der „Südseeballade“ das Prinzip der relativ statischen Graphik übernommen, das die Bilder zum Stillstand verurteilte, den er ganz bewußt nur selten durch aktionsreiche Szenen unterbrach. „Corto Maltese“, wie die Serie nun hieß, sollte bis zum Schluß geprägt sein durch diesen somnambulen Erzählstil, der die Geschichten selbst dann noch als Nocturnes erscheinen ließ, wenn sie am hellen Tag spielten.

Exemplarisch schöne Publikation

Der erste Sammelband mit den neuen Kurzgeschichten wurde 1971 veröffentlicht - ohne jede Honorarzusage an Pratt, aber immerhin mit der Versicherung, man werde eine exemplarisch schöne Publikation daraus machen. So geschah es. Der ungewohnte Umfang von hundertzwanzig Seiten im Großformat ebnete den Weg für die französische Ausgabe der noch längeren „Südseeballade“, die allerdings erst 1975 erschien. Doch dann gab es kein Halten mehr. Frankreich vergötterte Pratt als den Erneuerer des Comics - und das wollte etwas heißen in einer Zeit, die Moebius auf dem Gipfel seines Erfolgs und einheimische Debütanten wie Enki Bilal oder Jacques Tardi erlebte.

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