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Kino : Die andere Seite der Haut: „Der menschliche Makel“

Idealbesetzung: Kidman und Hopkins Bild: dpa

Wie soll man große Literatur verfilmen? Robert Benton hat es mit Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“ versucht. In dem Film mit Anthony Hopkins und Nicole Kidman kann man den Erscheinungen nicht trauen und den Gefühlen auch nicht.

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          Über diesen Film weiß man Bescheid, ehe man ihn überhaupt gesehen hat. Anthony Hopkins, das hat sich herumgesprochen, ist eine Fehlbesetzung, denn er spielt einen Mann, der ehemals schwarz war, bevor er sich als Weißer ausgab, einen Afroamerikaner, der sich in einen jüdischen Literaturprofessor verwandelt hat; Hopkins war bekanntlich niemals schwarz. Und Nicole Kidman, seine Partnerin, ist ebenfalls fehlbesetzt, denn sie spielt eine Putzfrau und Hilfsmelkerin, die keinen geraden Satz lesen kann - Kidman, das weiß man, hat nie vom vergifteten Apfel der Armut und des Analphabetismus gekostet. Außerdem wird die Frau, die sie verkörpert, als unscheinbar beschrieben; und wie könnte Nicole Kidman unscheinbar sein? Das wäre dann doch der Verwandlungen zuviel.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Schließlich ist "Der menschliche Makel" auch noch eine Literaturverfilmung, die Adaption eines Romans von Philip Roth. Wie aber soll man große Literatur verfilmen, ihren epischen Atem in zwei Kinostunden pressen? Das geht bekanntlich nicht, nur bei Visconti ist es gegangen, doch Visconti ist tot. Robert Benton aber, der Regisseur des "Makels", hat so harmlose und ordentliche Filme wie "Kramer gegen Kramer" und "Billy Bathgate" gedreht, er ist kein Gegner für einen Titanen wie Roth. Und tatsächlich sieht "Der menschliche Makel" wie der Film eines Verlierers und Nachbuchstabierers aus, jedenfalls in den ersten fünfzehn bis zwanzig Minuten, in denen er erzählt, wie Coleman Silk, gespielt von Anthony Hopkins, durch eine politisch unkorrekte Bemerkung sein Lehramt am feinen Athena College in Massachusetts und später seine Frau verliert - und wie er den Schriftsteller Nathan Zuckerman (Gary Sinise) kennenlernt, das Alter ego des Autors Philip Roth, den Mann, der am Ende die Geschichte aufschreiben wird.

          Da ist es passiert

          Und dann kommt die Szene, in der sich Coleman Silk und Faunia Farley alias Anthony Hopkins und Nicole Kidman zum ersten Mal begegnen. Sie spielt in einem Postamt. Eigentlich hat es schon geschlossen, aber der grauhaarige Mann bittet die magere Frau am Eingang, ihn trotzdem hereinzulassen. Sie läßt ihn herein, er kauft sich ein paar Briefmarken am Automaten und geht. Und es ist nichts passiert. Und dann fährt er mit seinem Volvo eine Landstraße entlang, und die Frau steht neben ihrem Wagen am Straßenrand, und er fragt sie, ob er sie mitnehmen könne, und sie sagt ja. Und es passiert immer noch nichts, außer daß er sie zu der Milchfarm bringt, auf der sie wohnt, und sie ihn beim Aussteigen fragt, ob er noch mit heraufkommen wolle. Und er antwortet, nachdem er einen Atemzug lang gezögert hat, daß er seit dem Tod seiner Frau keiner Frau mehr so nahe gekommen sei wie ihr. Und sie sagt, wenn er auf ihr Mitleid rechne, sei er an der falschen Adresse. Und bedankt sich. Und geht. Und es ist nichts passiert. Und er sitzt da in seinem Wagen und wartet. Dann macht er die Tür auf und geht ihr nach. Und da ist es passiert.

          Philip Roth gilt allenthalben als Autor, der sich auf obsessive Weise mit Sexualität beschäftigt, und in "Der menschliche Makel" unternimmt er scheinbar nichts, um diese Einschätzung zu widerlegen. Gleich der erste Satz des Romans berichtet von Coleman Silks Affäre mit der siebenunddreißig Jahre jüngeren Faunia, und im weiteren Verlauf werden auch alle früheren Lieben und Liebschaften Colemans ausführlich beschrieben. Aber nicht nur im Kino, auch in der Literatur tut man gut daran, dem allzu Offensichtlichen zu mißtrauen. Wenn bei Philip Roth von Sex die Rede ist, geht es nie nur um Sex, und schon gar nicht im Fall von Coleman Silk. Bei Coleman geht es sogar sehr explizit um etwas anderes.

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