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Kindle & Co. : Ein E-Book ist kein MP3-Album

Wie viel Romane braucht der Mensch? Bild: dpa

Die Industrie hat mal wieder ein Produkt geschaffen, ohne zu wissen, wer es braucht. E-Books wie das Kindle von Amazon oder Sonys Reader sind technisch zwar ausgereift. Aber was hilft ein Lesegerät mit 1500 Büchern, wenn man nur eines liest?

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          Wenn ich als Kind von meinen Eltern Geld verlangt habe, um mir ein technisches Produkt kaufen zu können, hatte ich immer vergessen, mir eine Begründung zu Recht zu legen. Es reichte meist die Gegenfrage „Für was brauchst du denn das Ding?“, auf die ich keine direkte Antwort geben konnte, um mir das Geld zu verweigern. Das Funkgerät, die Carrera-Bahn, die Spiele-Konsole, die E-Gitarre oder der Walkman würde doch eh bald in der Ecke herumliegen.

          In Amerika - und bald in Europa - wird man nun auch Erwachsenen dieselbe Frage mit der derselben entlarvenden Wirkung stellen können. Mit „Wozu brauchst du denn das E-Book?“ wird man all jenen begegnen, die sich das von Amazon vertriebene Kindle oder Sonys Reader für mehr oder weniger 300 Dollar gekauft haben. Die Hersteller von elektronischen Lesegeräten wissen die Antwort: „Bei 2 Gigabyte Speicher können Sie bis zu 1500 Bücher auf einmal mitnehmen!“ könnte Amazon-Chef Jeff Bezos entgegnen. Und diese kauft man auch noch in weniger als einer Minute online, ebenso Zeitungen oder Zeitschriften.

          Bücher liest man nicht „an“

          Die Analogie zum Audio-Bereich liegt ebenso nahe, wie sie falsch ist. Richtig ist zunächst an diesem Vergleich, dass das Konzept, auf seinem MP3-Player nahezu die komplette Musiksammlung immer dabei haben zu können, bei den Nutzern erfolgreich angekommen ist. Auch gibt es bei Millionen Nutzern das Bedürfnis, mal schnell neue Songs oder aktuelle Alben bei Online-Portalen wie iTunes oder Musicload herunterzuladen. Warum die Verfügbarkeit von Tausenden Songs so gut ankommt bei den Nutzern, sehe ich täglich. Auf der Bahnfahrt „zappen“ Ungeduldige durch ihre virtuelle Plattensammlung, um die passende Musik für ihre Stimmung zu finden. Beim Joggen lässt sich die Schrittfrequenz mit gesteigerten Beats erhöhen. Niemand weiß vorher genau, was er während der Zugfahrt hören will und beim Joggen als Musik-Doping braucht.

          Bücher hingegen liest man nicht „an“. Ich stelle mir selten die Frage, ob ich mich kurz vor meiner Lektüre zwischen einem Krimi, Liebesroman oder Sachbuch entscheide oder mich gar durch Brechts Gedichte kämpfen will. Wer auf eine mehrstündige Reise mit dem Zug geht, überlegt zu Hause, ob er ein oder zwei Bücher mitnimmt. Und wer sich nicht entscheiden kann, nutzt die Zeit in der Bahnhofsbuchhandlung, um seine Lektüre für die Fahrt zu finden. Natürlich besteht die Gefahr eines Fehlkaufs, den ich nur durch einen Buchwechsel wieder gut machen könnte, der aber dann auch wieder kostet. Bis man ein Buch aufgibt, weil es nicht gefällt oder langweilig ist, vergehen in der Regel ein paar Stunden. Bis dahin ist die rettende Buchhandlung oder Wohnung in Sicht.

          Jubelschreie an der Uni?

          Der Kauf eines E-Books kann sich dennoch lohnen. Wissenschaftler arbeiten schon immer mit mehreren Büchern parallel. Nicht jeder Titel wird von vorne bis hinten gelesen, sondern nach relevanten Abschnitten und Kapiteln durchsucht. Philosophen wurden bereits von den Verlagen mit elektronischen Werkausgaben von Denkern beglückt. Die Suchfunktion erspart studentischen Hilfskräften jede Menge harte Arbeit und führt zu genaueren Quellenangaben.

          Ein Forscher könnte nun seine Studien auch unterwegs oder an fremden Orten betreiben, ohne einen Koffer voller Bücher mitschleppen zu müssen. Sicherlich nutzen viele schon ihre Notebooks, um diese komfortable Situation zu erreichen. Doch der Akku macht nach mehreren Stunden schlapp. Zudem ist das längere, konzentrierte Lesen auf Laptop-Displays sehr ermüdend. Insofern müssten der europäischen Premiere des Kindle Jubelschreie unter Professoren und Doktoranden folgen.

          Vermutlich verstummen die Wissenschaftler schnell wieder. Wie bei vielen technischen Innovationen können sich auch hier Hersteller wie Sony und Amazon nicht auf ein einheitliches Format einigen. Das - auch in Verlagen - weit verbreitete PDF-Format kann vom Kindle nicht gelesen werden. Kompatibel sind lediglich das - nur von Amazon - vergebene AZW-Format, TXT-Dateien und das Mobipocket-Format PRC. Sonys E-Book-Reader PRS-505, der auf der kommenden Leipziger Buchmesse vorgestellt werden soll, kann wiederum das AZW-Format nicht lesen, dafür aber PDF und das auf XML basierende Epub.

          Zurück zum Real-Buch

          Wer vom Format-Chaos noch nicht abgeschreckt ist, wird es vielleicht durch diese Buchstabendreierfolge: DRM. Musikportale wie iTunes haben mit ihrem Digital Rights Management potenzielle Nutzer immer wieder abgeschreckt, weil die Weiterverbreitung der Dateien zu sehr eingeschränkt war. Nach viel Kritik und harten Diskussionen befreiten Firmen wie Apple und T-Mobile in ihren Portalen nun die Musikdateien von den DRM-Fesseln und bieten sie „frei“ an. Als hätte es diese Episode im Audio-Bereich nie gegeben, führen Amazon und andere Anbieter die Rechtebeschränkung bei digitalen Büchern wieder ein. Wie schön ist es, auch in diesen innovativen Zeiten noch zum guten, realen Buch greifen zu können.

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