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Kinderbücher : Mütter auf dem Rückzug

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Prototyp des ungebundenen Kindes: Pippi Langstrumpf Bild: picture-alliance / dpa

Kaum ein Buch für junge Leser erzählt noch von einem Kind, das in geordneten Verhältnissen aufwächst. Die kindlichen Helden von heute müssen ihren depressiven Müttern und verantwortungslosen Vätern helfen.

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          Was für eine herzlose Mutter: Erst erzählt sie ihrer Tochter, wie schrecklich die Geburt war - „schafft mal das Baby weg, und bringt mir ein Hühnerfrikassee“, habe sie hinterher zu den Krankenschwestern gesagt. Dann fährt sie das Kind schnurstracks zum Bahnhof, um es für mehrere Wochen ohne jedes Gepäck zu ein paar unbekannten Tanten aufs Land zu schicken. Der Vater hatte sich schon vor der Geburt „abgeseilt“, wie man nebenbei erfährt.

          Oder was für eine egoistische Mutter: Die Karriere als Musikerin ist ihr wichtiger als die gemeinsamen Ferien mit ihrer Tochter (der Vater ist tot), und so kommt das Mädchen zu ihrem chaotischen Onkel aufs Land. Später stellt sich heraus, daß die Mutter dem anstrengenden Orchesterleben nervlich nicht mehr gewachsen ist und nun doch mehr Zeit mit ihrer Tochter verbringen will.

          Oder was für eine gleichgültige Mutter: Ihr kleines Kind bekommt am Sonntagmorgen kein Frühstück, weil sie ausschlafen will; ein Vater ist nicht in Sicht.

          Tapfere Kinder kommen allein zurecht

          Diese drei Fälle sind Ausgangssituationen aus einem Kinder-, einem Jugend- und einem Bilderbuch, beliebig ausgewählt aus den Neuerscheinungen dieses Frühjahres. In ihnen wimmelt es - wie auch schon in denen der vergangenen Jahre - von unzurechnungsfähigen, depressiven Müttern und verantwortungslosen, alkoholkranken oder komplett abwesenden Vätern. Und von tapferen Kindern, die nicht nur allein zurechtkommen, sondern sich oft auch noch die Sorgen ihrer Erzeuger aufladen müssen. Wären die Verhältnisse für Kinder überwiegend so, wie sie die ihnen zugedachte Literatur seit einer Weile darstellt, dann stünde es schlimm um die nachwachsende Generation. Um ihre Eltern sowieso.

          Während im wirklichen Leben immer noch recht viele Kinder mit beiden Eltern zusammenleben, ist die traditionelle Familie in der Kinder- und Jugendbuchwelt schon seit längerer Zeit dabei, sich aufzulösen. Kaum ein einigermaßen interessantes Buch erzählt noch von einem Kind, das in geordneten Verhältnissen aufwächst. Gerade die Bestseller überbieten einander darin, möglichst krude kindliche Lebensläufe anzubieten.

          Der Waisenknabe Harry Potter

          An erster Stelle wäre da natürlich der Waisenknabe Harry Potter zu nennen, aber auch Meggy, das Mädchen, das in Cornelia Funkes „Tintenherz“ allein mit ihrem Vater lebt und ihre Mutter erst retten muß, um sie zurückzubekommen. Daß Eragon, der Held des gleichnamigen und derzeit sehr erfolgreichen Fantasy-Romans von Christopher Paolini, ohne Eltern aufwuchs, ist auch genretypisch. Aber daß seine Mutter nach seiner Geburt einfach fortging, paßt zum Zeitgeist, der in der Kinderliteratur, der fantastischen wie der realistischen, herrscht: Die Mütter sind auf dem Rückzug.

          Nicht daß die Väter deswegen mächtig auf dem Vormarsch wären. Noch im vergangenen Jahr beschäftigten sich Kinderliteraturexperten auf einer Tagung mit dem „Verlorenen Vater“ und kamen zu dem Resümee, daß positive Vaterfiguren in der Kinderliteratur der Gegenwart fehlen. Dennoch scheint sich allmählich etwas zu bewegen. Immer mehr Geschichten entstehen, in denen alleinerziehende Väter eine Rolle spielen - und zwar meist eine positivere als die alleinerziehenden Kinderbuchmütter.

          Beschreibung von Familiendesastern

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