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Kinderbücher : Mütter auf dem Rückzug

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Passend zum familiären Wandel vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt, der in den siebziger Jahren ausgerufen wurde, sind die Kinder inzwischen hoffnungslos mitverstrickt in Familienunglück aller Art - womit, nebenbei gesagt, die Kinderliteratur auch ihre Zugehörigkeit zur Literatur der Moderne bewiesen hat.

Diese Motiventwicklung muß nicht zwangsläufig nur zu verweifelten Texten führen: In vielen komödiantischen Varianten nehmen die Kinder die Probleme der Familie nicht schwer - etwa wenn sie ihren alleinerziehenden Elternteilen auf lustige Art zu neuen Partnern verhelfen. Auch unter den Bilderbüchern gibt es immer wieder einzelne, die mit dem neuen Verhältnis spaßhaft und anarchisch umgehen - „Als Mama ein kleines Mädchen war“ etwa untergräbt auf sehr entlastende Weise die Autorität der fordernden perfekten Mutter.

Entlastung der Großen

Der weitaus größere Teil der heutigen Familiengeschichten für Kinder aber entlastet eher die Großen. Kinderbücher werden von Erwachsenen geschrieben und meist auch von ihnen gekauft. Man kann diese Bücher lesen wie eine Liste einigermaßen unverhohlen geäußerter Wünsche an die nächste Generation. Im Bilderbuchbereich sind diese Wünsche ablesbar etwa am Anschwellen der verkappten Ratgeber - Titel, die unter Seriennamen wie „Mutmach-Bücher“ zusammengefaßt sind oder Geschichten vom „Nägelschneiden“ und „Sonnenbrand“ erzählen, Problemen also, deren Bewältigung man noch jedem unbedarften Au-pair-Mädchen auch ohne Buch zutrauen dürfte. Abgesehen davon, daß solche auf die Bücher abgewälzten Erziehungsleistungen Kindern den Spaß an der Literatur verderben können, werden derlei Geschichten wohl keinen großen Schaden anrichten. Ihre Grundbotschaft aber ist eindeutig und kühl: Solltest du Probleme mit einer Sache haben, sind deine Eltern überfordert und brauchen Unterstützung.

Beispielgeschichten als Geschenk

Die Botschaften, die den älteren Kindern aus Büchern entgegenschallen, gehen noch weiter. Wenn ein Verlag mit dem Spruch „Von Kindern, die gut alleine klarkommen“ für einen Roman wirbt, dann setzt er damit auf die Hoffnung der Eltern, ihrem Kind genau das beizubringen, indem sie ihm die Beispielgeschichte schenken.

Andere Geschichten übertragen den Kindern gleich die ganze Verantwortung für alle. Du mußt den Großen helfen, sie schaffen es nicht alleine, sagen all die Geschichten über Kinder, deren Mütter in Depressionen versinken und deren Väter arbeitslos und alkoholkrank werden. Sie trauen sich überhaupt nichts zu, erst recht nicht, dich zu erziehen. Sie sind verzweifelt mit sich selbst beschäftigt - ermutige sie, liebe sie, rette sie!

Die Alltagswelt hat sich geändert

Die echten Abenteuer für Kinder sind so gut wie ausgestorben. Ihre Eltern lassen sie ja kaum aus den Augen oder lassen sie von anderen rundum bewachen. Sie haben vergessen, daß ihre besten Nachmittage damals diejenigen waren, an denen es hieß: „Geht raus spielen, und kommt zurück, wenn die Straßenlaternen angehen.“ Die Alltagswelt hat sich geändert.

Aber die besten Geschichten - im Leben wie in Büchern - passieren immer noch oft, wenn die Eltern gerade nicht da sind. Nun bieten die neueren Bücher den Kindern an, ein Abenteuer darin zu sehen, an den Wirrungen der Eltern teilzuhaben und wenigstens dort, im Inneren der Familie, ein Held zu sein. Statt sie wie die Märchenhelden in früheren Zeiten allein hinaus in die Welt zu entlassen, wo sie sich bewähren mußten, halten die jetzigen Kinderbucheltern ihre Kinder krampfhaft fest, flehen um Verständnis und lassen sich umsorgen.

Das ist kein guter Tausch; kein Wunder, daß diejenigen Kinder, die noch gerne lesen, vor allem nach den einfallslosen Fantasy-Büchern greifen, wo die Verhältnisse klar - und die Helden fast immer elternlos unterwegs - sind. Vielleicht sollte man den Buchkindern etwas weniger starke Schultern andichten, damit sich die Großen nicht mehr so bequem daran ausweinen können. Und den wirklichen Kindern mehr Freiheit zutrauen.

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