https://www.faz.net/-gqz-q03m

Kinderbücher : Mütter auf dem Rückzug

  • Aktualisiert am

Paul Maars neuester Kinderroman, der dieser Tage erscheint, stellt uns ein solches Papa-Sohn-Team vor. Auch die ungemein beliebte schwedische Bilderbuchserie um den alten Pettersson und seinen Kater Findus zieht einen großen Teil ihres Witzes aus dieser Grundkonstellation. Wenn das „Prinzip Mama“ fehlt, kann eben einiges schiefgehen und viel passieren. Was in den „Pettersson“-Bilderbüchern mit viel Komik und höchstens sehr leiser Melancholie behandelt wird, führt in den Büchern für Ältere zu Beschreibungen von Familiendesastern, die den Kindern mehr Kümmernisse aufladen, als sie eigentlich stemmen können. Da es sehr wackere Romankinder sind, schaffen sie es aber meistens. Sonst wären es ja auch keine Romane.

Die Sache ist im Kern nicht neu: Seit es die Kinderliteratur gibt, müssen ihre Helden häufig ohne Eltern auskommen. Das Beste, was einem Kinderbuchkind passieren kann, ist, daß ihm die Mutter stirbt, bevor es zwölf Jahre alt ist. Was hätten Tom Sawyer, Jim Knopf oder die rote Zora unter der ständigen Bewachung ihrer Mütter schon erleben können? Selbst Kästners Emil Tischbein muß sich wenigstens vorübergehend von seiner geliebten Mutter losreißen, um in ein Abenteuer zu geraten. Und Pippi Langstrumpf? Die ist natürlich der Prototyp des glücklichen, ungebundenen Kindes.

Pippi als Prototyp

Ein Prototyp auch deswegen, weil ihre Geschichte das erste Kinderbuch einer echten Rabenmutter war. Einer Rabenmutter mit schlechtem Gewissen. Astrid Lindgren, die ihr erstes Kind nach der Geburt in eine Pflegefamilie gab, weil sie sich nicht anders zu helfen wußte, schrieb mit „Pippi Langstrumpf“ eine verzweifelte Beschwörung des Glücks, ein verlassenes Kind zu sein.

Du wirst hoch belohnt für das Leben ohne Eltern, schrie diese Pippi ihren jungen Lesern zu: Du darfst schlafen gehen, wann du willst, soviel Süßigkeiten essen, wie du willst, du bist so stark wie niemand sonst, und du hast immer genug Geld. Du hast die beiden besten Haustiere, die man sich nur wünschen kann, du mußt nie zur Schule gehen. Und alle anderen finden dich toll. So drastisch und dringend ließ Astrid Lindgren ihre Pippi diese Rechtfertigungsbotschaft einer Rabenmutter verkünden, daß dem Buch absurderweise bescheinigt wurde, seinen Lesern den Weg zum echten Kindsein zu weisen. Ausgerechnet ein Mädchen, dem ein wesentlicher Bestandteil einer richtig guten Kindheit fehlt - ein fürsorgliches Elternhaus - soll den anderen zeigen, was Kindsein bedeutet?

Zeit für Quatsch

Da viele Kinder, ob mit oder ohne Eltern, sich verlassen fühlen, hat das Buch nicht nur Astrid Lindgren selbst und ihren Sohn, sondern auch unzählige Leser getröstet und erheitert. Denn sie hat immerhin Kraft, diese Pippi. Und noch viel Zeit, um Quatsch zu machen. Womöglich auch deshalb, weil alle Beteiligten die Konsequenzen der Lage auf sich nehmen: Der ferne Vater bittet Pippi zwar einmal um Hilfe, akzeptiert dann aber ihre Entscheidung, nicht zu kommen. Er akzeptiert, daß sein Kind sich an sein ungebundenes Leben gewöhnt hat.

Die Mutter ist tot. Die Fronten sind klar, und das Kind kann das Beste daraus machen. Pippi Langstrumpf feiert in diesem Jahr ihren sechzigsten Geburtstag. Längst ist sie nicht mehr jedem Kind ein Begriff; sie ist dabei, in Rente zu gehen. Die neue Generation der Kinderbuchhelden hat andere Sorgen; unter anderem auch noch die ihrer Eltern.

Auf lustige Art zum neuen Partner

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Bild aus alten Tagen: Christiane Lieberknecht, damals noch Ministerpräsidentin, spricht am 17. Juli 2014 im Thüringer Landtag mit dem Oppositionsführer Bodo Ramelow.

Thüringer Krise : Ramelows unwiderstehliches Angebot

Bodo Ramelow macht der CDU ein Angebot, das sie nicht ausschlagen kann. Es sei denn, sie will den Rest an Glaubwürdigkeit, der ihr geblieben ist, auch noch verlieren.
Norbert Röttgen will CDU-Vorsitzender werden.

AKK-Nachfolge : Röttgen will CDU-Vorsitzender werden

Es ist der vierte Bewerber aus Nordrhein-Westfalen: Nun will auch CDU-Außenexperte Norbert Röttgen Annegret Kramp-Karrenbauer an der Spitze der CDU beerben. Letztere trifft sich heute zum Bewerbergespräch mit Friedrich Merz.

Champions League : Das brisante Tuchel-Thema nervt die Dortmunder

Vor dem Champions-League-Duell des BVB mit Paris dominiert der frühere Trainer Thomas Tuchel die Schlagzeilen – zum Leidwesen der Dortmunder. Manche sind genervt. Einer allerdings hat ein großes Lob für Tuchel parat.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.