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Kinderbuchmarkt : Bildungsverhungert

  • -Aktualisiert am

Und sie tun es doch: Kinder, in Bücher versunken Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Kinderliteratur gehört trotz sinkender Geburtsraten zum wachstumsfähigsten Teil des Buchmarktes. Eine effektvolle Verbindung aus "Harry-Potter"-Boom und Pisa-Schock erhöht das Angebot, allerdings bei sinkender Qualität.

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          Mit dem Lesen in unserem Land geht es wohl rapide bergab. Allein die demographische Entwicklung müßte die Kinderbuchverlage das Schaudern lehren. Und das ist nur das neueste Problem. Die anderen sind längst bekannt und vielfach beklagt: Leseschwäche, Leseunlust, daraus folgend Inkompetenz auf vielen Ebenen. Erst kürzlich geisterte eine Zahl durch die Agenturmeldungen, mit Grabesstimme verkündet von der Arbeitsgemeinschaft der Jugendbuchverleger, nach der jedes kleine Kind in Deutschland im Durchschnitt nur 0,4 Bilderbücher pro Jahr erhält.

          Das ist alles ganz furchtbar. Sonst noch was? Jawohl: Unter diesem oben skizzierten und seit Jahren anschwellenden Jammer-Begleitgeräusch marschiert die Kinderbuchbranche recht munter von einem Jahresplus zum nächsten. Sie gehört - neben den Ratgeberbüchern - zu den wachstumsfähigsten Teilen des gesamten Buchmarktes, auch, aber nicht nur wegen "Harry Potter".

          Die Anzahl der jährlichen Neuerscheinungen wächst stetig, etwa von rund 4200 Gesamttiteln 1997 auf 6400 im Jahr 2003. Gleiches gilt für die Auflagenzahlen der bestverkauften Bücher, was nichts anderes bedeutet, als daß es auch Abnehmer dafür gibt. In der Tat hat sich die Leselust der Jugend in den letzten Jahren nicht signifikant verändert, sie ist eher stärker als schwächer geworden, und das Bücherlesen rangiert auf der Skala der beliebtesten Freizeittätigkeiten je nach Umfrage zwischen Platz fünf und Platz sieben. Im übrigen hat sich herausgestellt, daß die Konkurrenzmedien das Buch nicht komplett verdrängen, sondern ergänzen. Sie spielen allerdings eine hemmende Rolle. Kurz: Es wird weiter Kinderbücher geben, und sie werden gelesen werden, weiterhin auch von Kindern. Warum dann also das Gejammer?

          Die Zielgruppe für Kinderkram aller Art wächst

          Weil es sich lohnt. Und weil es dennoch begründet ist, wenn auch auf einer anderen Ebene als jener, auf der es nach Aufmerksamkeit heischt. Über die Leseabstinenz der Kinder wird geklagt, seit sie fernsehen. Seit Jahren kennen wir dieses Begleitgeräusch und nicken bedenklich dazu, bevor wir zur Tagesordnung übergehen. Doch der Pisa-Schock hat die Eltern wirklich gepackt - nicht alle Eltern, aber die ehrgeizigen unter ihnen, die verstanden haben, daß ihr Kind dumm und chancenlos bleibt, wenn es Texte nicht verstehen kann. Den Kinderbuchverlagen konnte daher kaum etwas Besseres passieren als das Zusammentreffen des Harry-Potter-Phänomens mit dem Pisa-Ergebnis. Jetzt ist wirklich Druck dahinter. Die Bücher werden geradezu in die Kinderzimmer hineingeworfen. In bestimmten Familien.

          Wer in Deutschland etwas für Kinder produziert, muß zwangsläufig unruhig werden, sobald er einen Blick in die Statistik wirft. Nicht so die Kinderbuchverleger. Sie produzieren für einen Markt, der weit über das einzelne Kind und seine direkten Bedürfnisse hinausgeht. Da gibt es allein schon die immer größer werdende Gruppe der erwachsenen Kinder und kindlichen Erwachsenen, die sich gegenseitig Bilderbücher mit Titeln wie "Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?" schenken und die es vorziehen die "Kinder-Universität" zu besuchen, statt ein gewöhnliches Sachbuch zu lesen. Diese Erwachsenen, die sich selbst lieber wie Kinder gebärden, als welche zu gebären, sind eine eigene, zahlungskräftige, (noch) stetig wachsende Zielgruppe für Kinderkram aller Art.

          Schon werden Kinder in die Buchhandlung gezerrt

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