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Kennedy-Attentat : Alles in sieben Sekunden

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DeLillo zum Attentat: „Wieso ist es unmöglich zu wissen, was damals wirklich geschah?“ Bild: AP

Am Freitag jährt sich zum fünfzigsten Mal die Ermordung von John F. Kennedy. Den besten Roman über das Attentat hat Don DeLillo geschrieben: „Libra“. Eine Begegnung, ein Rück- und ein Ausblick.

          In einem der ersten Kapitel von „Libra“, Don DeLillos großem Roman von 1988 über Lee Harvey Oswald und den Mord an John F. Kennedy, sitzt ein Mann namens Win Everett in der Küche seines Hauses und denkt beim Frühstück über das Wesen von Geheimnissen nach. „Warum brauchen wir sie, und was bedeuten sie?“ Everett rührt Zucker in seinen Kaffee, er verstreicht endlos lang die Butter auf dem Toast.

          Everett ist eine der zahlreichen Nebenfiguren aus DeLillos Roman, ein CIA-Agent im „aktiven Ruhestand“, ein von der Sehnsucht nach einem „elektrisierenden Zwischenfall“ getriebener Veteran des Schweinebucht-Debakels, der um die belebende Kraft von Geheimnissen weiß. „Geheimnisse haben etwas Übersteigertes, fast Traumhaftes“, sagt er, als er später seinen Plan eines Attentats auf den Präsidenten enthüllt, in dem der mit Castro und dem Kommunismus sympathisierende Oswald am Ende nicht mehr als eine zum Bauernopfer bestimmte Schachfigur ist.

          Es sei nicht nur Kennedy selbst

          „Mit ihnen lässt sich eine Bewegung unterbrechen, lässt sich die Welt anhalten, so dass wir uns in ihr sehen können.“ Fünfzig Jahre nach Kennedys Tod, fünfundzwanzig Jahre nach Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe von „Libra“ ist DeLillos auratischer Roman, in dem der 1936 in der New Yorker Bronx geborene Schriftsteller die kollektiven Phantasien einer von den Mysterien der eigenen Macht besessenen Nation transzendiert, das Buch der Stunde.

          „Es gibt eine Welt innerhalb der Welt“ – ein Satz, der aus dem tiefen Resonanzraum von „Libra“ wiederholt bis in unsere Gegenwart vordringt und im Hier und Jetzt des Jahres 2013 auf eine Wirklichkeit trifft, in der schließlich sogar das Bild des in Dallas ermordeten Präsidenten auf geradezu verstörende Weise mit dem Barack Obamas zu verschmelzen scheint. „Es ist nicht nur Kennedy selbst“, so DeLillo im rätselhaften Palimpsest seines aus dem Dunkel der amerikanischen Paranoia hervorgebrachten Romans: „Es ist das Bild, das die Leute von ihm haben, dieses strahlende Bild, das uns ständig präsentiert wird.“

          „Jetzt sitzt die Regierung auf den entscheidenden Geheimnissen“

          „There is a world inside the world“, „ein Staat innerhalb des Staates“, wie die Enthüllungen Bradley Mannings und Edward Snowdens DeLillo in das Amerika Obamas zu übersetzen scheinen: „Früher existierten die gefährlichen Geheimnisse außerhalb der Regierung. Komplotte, Verschwörungen, Geheimnisse vom Umsturz, Geheimnisse vom Ende der Gesellschaftsordnung. Jetzt sitzt die Regierung auf den entscheidenden Geheimnissen“, so DeLillo in „Libra“. „Das entspricht sicherlich der Wahrheit“, sagt Don DeLillo heute. „Regierungen streben danach, die endgültigen Hüter von Geheimnissen zu sein. Aber wie wir gegenwärtig beobachten können, gibt es leaks.“

          An der Upper Eastside von New York sitzt DeLillo im Büro seiner Literaturagentin an einem Tisch. Er trägt ein helles Hemd, eine große Brille. Er sieht müde und etwas abgespannt aus; er arbeitet an einem neuen Roman. DeLillo wurde im selben Sternzeichen geboren, in dem John F. Kennedy starb; am gestrigen Mittwoch wurde er 77Jahre alt. Er sagt: „Erstens zeugt das Festhalten an einigen dieser Geheimnisse von der Gewissenlosigkeit der Regierung. Zugleich kann die Tatsache, dass diese Geheimnisse von anderen als der Regierung selbst enthüllt werden, auf Menschen verstörend wirken – sogar wenn diese der Meinung sind, dass die Regierung kein Anrecht auf die Geheimhaltung hat.“

          Prophet der amerikanischen Apokalypse

          Bücher liegen vor DeLillo auf dem Tisch: die Erstausgabe seines frühen Romans „Great Jones Street“, in dem er den radikalen Rückzug des sich vor Erfolg und Ruhm verschanzenden Rock-Sängers Bucky Wunderlick beschreibt, dann eine Taschenbuchausgabe von „Underworld“, DeLillos 1997 erschienenem Romanepos über das Amerika des Kalten Krieges, schließlich das amerikanische Taschenbuch von „Libra“, auf dessen Cover das Innere von Kennedys offener Limousine und ein verschattetes Foto des von einem Polizisten bewachten Lee Harvey Oswald zu sehen sind.

          „Anders ausgedrückt“, sagt DeLillo, „es gibt im Grunde keine Undurchschaubarkeit mehr, und die Regierung scheint nur mehr eine sonderbare Form menschlicher Fehlbarkeit zu verkörpern. Doch die Leute wollen nicht, dass ihre Regierungen fehlbar sind.“ DeLillo gilt seinen Lesern als oberster Schamane der Gegenwartsliteratur, als Prophet der amerikanischen Apokalypse.

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