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Kempowskis „Echolot“ : Das Fortleben der Briefschreiber

  • -Aktualisiert am

Geschichte ausgelotet: Walter Kempowski Bild: dpa/dpaweb

Schon als Walter Kempowski vor zwanzig Jahren mit seinem „Echolot“ begann, sprach er von jenem „Trichter“, auf den sein Werk zuläuft: die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Jetzt ist der letzte Band erschienen und in Berlin gefeiert worden.

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          Drei schwarze Staatskarossen gleiten durch den Schnee Unter den Linden und stoppen vor der Alten Kommandantur, der Repräsentanz des Bertelsmann-Konzerns in Berlin. Es ist kurz nach sieben abends. Der Bundespräsident Horst Köhler und seine Frau Eva steigen aus dem vorderen Wagen und werden gleich in den kargen Seminarraum des äußerlich so prunkvoll strahlenden Gebäudes geführt. Der Saal ist voll, ein Geiger stimmt sein Instrument. Das Präsidentenpaar nimmt in der ersten Reihe Platz. Horst Köhler ist nicht gekommen, um eine Rede zu halten. Er ist gekommen, um zuzuhören.

          Ein Buch wird vorgestellt. Sonst nichts. Aber was für ein Buch. Es ist der Abschluß eines gigantischen Werkes, der an diesem Abend in Berlin gefeiert wird. Das Jahrhundertbuch von Walter Kempowski. Das Echolot. Der zehnte Band ist gerade erschienen; jener "Trichter", von dem Kempowski sprach, als er vor zwanzig Jahren mit den ersten Arbeiten an diesem Werk begann. Der "Trichter", auf den in all den Jahren alles zugelaufen ist: die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs.

          Es wird einmal ein Wunder geschehen

          Es ist ein würdiger, festlicher Abend. Der Verleger Klaus Eck lobt Autor, Werk und Verlag, der Geiger Florian Mayer aus Dresden spielt Bach, und der Filmemacher Paul Kersten vom Norddeutschen Rundfunk zeigt Ausschnitte aus seinen Kempowski-Film. Wir sehen den Autor inmitten seines Materials, wie er aus Feldpostbriefen liest, Fliegerkappen taxiert und vor dem Fernseher sitzt und Zarah-Leander-Aufnahmen ansieht.

          Wir sehen nur das Fernsehbild und vorne am Rand den Hinterkopf des Autors, der sich hin und her wiegt im Rhythmus des Liedes "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn", und man kann ihn sich plötzlich vorstellen, wie er in seinem Wohnarchiv in Nartum all die Rollen selber durchspielt, die Rollen seines Lebensbuches. Er lebt in ihnen, und er beherrscht sie auch.

          Nach 5000 Seiten beginnt das Mörderhandwerk

          Jetzt sieht er in die Kamera. Er streckt zwei leere Hände vor und schildert das Arbeiten und die Schrecken des Arbeitens vor allem an dem Stalingrad-Buch, als er all die Geschichten versammelte, deren Ende er kannte. Den schnellen Tod jedes Schreibers. Und Kempowski sagt, sie zappeln in seiner Hand, die Schreiber von damals, und er hält sie zappelnd in der einen Hand, und er kann sie nicht hinüberretten in die andere Hand. Die Macht hat der scheinbar allmächtige Autor nicht. Das ist der Unterschied zum herkömmlichern Schreiben. Der Autor des Echolots kann komponieren, kürzen, wegstreichen; umschreiben kann er nicht.

          Das Leben, die Vergangenheit läßt sich nicht umschreiben. Er kann nur töten. So sieht Kempowski das. Wenn ein Band etwa auf 5000 Seiten angewachsen sei, dann beginne das Mörderhandwerk, das Streichen. Und jede Lebensgeschichte, die er dann ausstreicht, aus dem Werk, erscheint ihm als ein zweiter Tod, als ein Mord, den der Autor begeht - in seinem Werk hätte er sonst fortgelebt. Das ist Hybris und Wahrheit des Autors Kempowski.

          Jan Philipp Reemtsma weist in seiner Laudatio, in der er vor allem Echolot-Passagen zitiert und neu zusammensetzt, vor allem darauf hin, daß der Schöpfer des Echolots unendlich viel mehr ist als ein bloßer Zusammenträger historischen Materials. Und er endet mit der zitierten Kempowski-Klage: "Sie werden mich wieder nur einen Sammler nennen." Reemtsma antwortet und schließt: "Längst nicht mehr. Ein großer Autor hat ein großes Werk vollendet."

          Dank an die Knüppelwerfer

          Kempowski selbst dankt dann eher schmucklos und schnell; er bedenkt auch all die Menschen, die ihm in der Arbeitszeit "Knüppel zwischen die Beine warfen", und er sagt, daß all das Lob, das zur Zeit auf ihn niederprassele, all das Leiden der Schaffenszeit keineswegs aufwiege, und liest ansonsten einfach das Vorwort des letzten Echolot-Bandes vor. Ihm scheint hier am wenigsten nach Feiern zumute.

          Später gibt er sich ausgelassen. Er drückt Paul Kersten zum Abschied eine warme, fettige Frühlingsrolle in die Hand und lacht sich kaputt, weil der die Gabe zunächst scherzhaft für einen Geldschein gehalten habe, legt glücklich lächelnd den Arm um die Schulter seiner bestens aufgelegten Frau und spricht schon wieder von schönen neuen Projekten.

          Köhler konsultiert Kempowski

          Der Bundespräsident gibt sich von dem Abend beeindruckt. Später beim Empfang geht er von Gast zu Gast, spricht mit den Mitarbeitern des Kempowski-Archivs und des Verlags und mit den Kempowskis. An allem zeigt er sich interessiert. Anders als der Kanzler, der bei seiner Kulturveranstaltung im Kanzleramt am letzten Donnerstag beim Empfang danach allein am Stehtisch stand, bei Bulette und Kartoffelsalat und wartete, ob jemand kommt, um mit ihm zu sprechen. Der Präsident wollte alles ganz genau wissen.

          Er bereitet schon seine Rede vor, für den 8. Mai, die davon handeln wird, was Erinnerung an den Krieg in Deutschland heute bedeutet. Dafür wird er den Schriftsteller Kempowski in Nartum auch noch besuchen. Er könnte keinen besseren Ratgeber finden.

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