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Roman über „Greenwashing“ : Schwarzbuch des grünen Gewissens

  • -Aktualisiert am

Was ist wichtiger, Moral oder Ästhetik? Der Werbefachmann aus dem Roman „Greenwash, Inc.“ hat sich entschieden. Bild: dpa

Ein sehr guter, aber sehr böser Roman: Karl Wolfgang Flenders „Greenwash, Inc.“ ist eine Groteske der Wohltätigkeitsindustrie und zugleich eine neue Stufe der Popliteratur.

          Um eine Vorbildfigur für diese Geschichte wird man hier nicht herumkommen: Das ist Patrick Bateman, besser bekannt als „American Psycho“ aus dem gleichnamigen Roman von Bret Easton Ellis von 1991. Ohne ihn wäre wohl ein Großteil der deutschsprachigen Popliteratur der neunziger Jahre nicht möglich gewesen, jedenfalls nicht jene Werke, die man nicht nur als Affirmation des Konsums und der darin archivierten Markenartikel verstehen kann, sondern auch als deren zynische Kritik.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Bateman ist der Inbegriff des konsumfixierten Yuppies, besessen von Designermode und -möbeln, fixiert auf die Oberfläche der Dinge. Er ermordet, sofern man seiner Erzählung trauen darf, einen Mann, nur weil dessen Visitenkarte schöner ist als seine. Ohne Batemans Versace-Verrücktheit hätte es wohl keine Barbourjacken-Bücher von Christian Kracht gegeben - und auch nicht den strahlenden Antihelden aus Karl Wolfgang Flenders Debütroman.

          Thomas Hessel ist die aktualisierte Version dieses Yuppies: Er trägt einen gewachsten Kurzhaarschnitt und ist immer perfekt rasiert, fährt ein französisches Retro-Rennrad, wetteifert mit Kollegen mittels einer „Push-up-App“ um die meisten Liegestütze, nimmt nachts Koks und morgens Tranquilizer und spielt auf dem Handy infantile Computerspiele. Seine Ich-Erzählung klebt geradezu an der Oberfläche der Dinge, und wenn die Welt um ihn herum in Aufruhr gerät, sitzt er „in einem cremefarbenen Ledersitz“ und beobachtet, „wie die Blasen in meinem Champagnerglas von den Erschütterungen aus der Bahn gelenkt werden“.

          Hoffnungen eines Zynikers

          Ein Zyniker ist er also auch, das steht von der ersten Seite an fest. Aber hier endet dann auch die Analogie. Denn Thomas Hessel ist kein Massenmörder und auch kein Banker, sondern arbeitet in der Werbewelt. Und gerade in dieser Branche hat die Welt von 1991 mit der von heute nichts mehr zu tun. Damals nämlich hatte man vom Internet kaum einen Schimmer, geschweige denn von viralem Marketing, Shitstorms, Fake-Profilen und gekauften Tweets, erst recht nicht von Nachhaltigkeitskampagnen.

          Thomas ist angestellt bei der Agentur Mars & Jung, die globale „Krisenkommunikation“ betreibt, ihre pseudosentimentalen Neusprech-Credos sind den Kapiteln des Romans vorangestellt („We care for nature“, „We care for children“ „We care for stories“). Die Storys sind sein Hauptgeschäft, sogenannte „Hope Stories“ nämlich, durch die das wohltätige Engagement großer Unternehmen in aller Welt ein menschliches Gesicht erhalten, mit dem man auch Lügen verkaufen kann. Oder Fairtrade-Zertifikate.

          Karl Wolfgang Flender

          In die Produktion einer solchen Hope Story wirft uns der Roman, mitten hinein in den brasilianischen Regenwald. Um die westliche Welt von der Schlechtigkeit der Brandrodung zu überzeugen, inszeniert Thomas mit Statisten eine dramatische Szene, in der ein Dorf in Flammen aufgeht und eine arme Mutter und ihr Baby beinahe sterben. Die eigens von Thomas dorthin gelenkten Journalisten filmen und verbreiten die Story, sie wird binnen kurzem zum millionenfach geclickten Youtube-Hit und beschert ihm den Aufstieg in der Agentur. Später sorgt sie aber auch für seinen Fall.

          Bis es so weit kommt, folgen wir dem Protagonisten weit um die Welt, in eine indische Textilfabrik und zum Elektrogeräte-Recycling nach Ghana. Aber in welche Elendsgegend der Roman auch führt, es geht ihm nur darum, zu zeigen, dass Thomas und seine Branche die Wirklichkeit in der medialen Darstellung beliebig zu verzerren bereit sind, um ihrem Kunden zu dienen und daraus Kapital zu schlagen.

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