https://www.faz.net/-gqz-x7dj

Karl May : Verschwindet sein Nachlass im Privat-Tresor?

Hier können auch sie nicht helfen: Winnetou und Old Shatterhand Bild:

Was sind Karl Mays Manuskripte und Briefe wert? Sachsen bietet dreieinhalb Millionen. Das ist dem Erben zu wenig. Er will 15 Millionen und droht mit der Verscherbelung in Einzelstücken, wenn das Land sein Angebot nicht verbessert. Die Frist endet heute.

          Hugh! Sachsens Kunstministerin hat gesprochen. Am Mittwoch, und damit einen Tag vor Ablauf der Frist, legte Eva-Maria Stange zum ersten Mal ein Angebot für den Erwerb des zum Verkauf stehenden Nachlasses von Karl May vor. Danach ist das Land Sachsen bereit, für das mehr als 10 000 Seiten umfassende Erbe 3,5 Millionen Euro zu bezahlen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Das ist sicher weit mehr, als sich der Abenteuerschriftsteller zu Lebzeiten je erhofft hätte, allerdings auch viel weniger, als sich Karl-May-Verleger Lothar Schmid aus Bamberg vorgestellt hat. Fünfzehn Millionen Euro will er für die Memorabilien des am meisten gelesenen deutschen Autors haben, dessen Werke bislang eine Gesamtauflage von 200 Millionen Büchern erreichten und in 42 Sprachen übersetzt wurden

          „Äußerst wertvolles Kulturgut“

          Einig waren sich beide Seiten bislang nur darin, dass der Nachlass möglichst komplett nach Sachsen gehört, dem Land, in dem Karl May geboren wurde, gearbeitet und gelebt hat. In seiner "Villa Shatterhand" in Radebeul bei Dresden verfasste May den Großteil der Dokumente des nun strittigen Nachlasses.

          Karl Mays größter Erfolg: Die „Winnetou”-Romane

          Nach Auskunft von Verleger Schmid handelt es sich dabei vor allem um Mays Spätwerk, entstanden zwischen der vorletzten Jahrhundertwende und seinem Tod 1912. Darunter sind etwa zehn handschriftliche Manuskripte von Romanen wie „Winnetou IV“, „Im Reich des silbernen Löwen“ und „Ardistan und Dschinnistan“, mehr als 400 Gedichte, 320 Briefe, zahlreiche Musikhandschriften, Ansichtskarten und sogar die Reisepässe des Schriftstellers - alles in allem „äußerst wertvolles Kulturgut“, sagt Schmid.

          May verdirbt sozialistische Jugend

          Ihm immerhin ist zu verdanken, dass der Nachlass heute noch weitgehend vollständig ist. Schmids Vater Euchar Albrecht Schmid, der 1913 den Karl-May-Verlag in Radebeul zusammen mit Mays Witwe Klara und dem Verleger Ernst Fehsenfeld gegründet hatte, mühte sich nach dem Zweiten Weltkrieg vergeblich um eine Druckgenehmigung.

          In der DDR war May zwar nicht verboten, wurde aber nicht publiziert; die SED fürchtete negative Einflüsse der Bücher auf die sozialistische Erziehung der Jugend. 1960 schließlich verkaufte die DDR den Karl-May-Verlag und den Nachlass sowie die komplette Einrichtung der „Villa Shatterhand“ für 50 000 Westmark und im Austausch gegen sechs Radebeuler Villen nach Bamberg, wo sich die Söhne des 1951 verstorbenen Euchar Albrecht Schmid angesiedelt hatten.

          Erbe will Kasse machen

          Seit 1992 ist Lothar Schmid im Alleinbesitz des Nachlasses, nachdem er seine beiden Brüder, die das Erbe versilbern wollten, mit einer nicht genannten Summe ausgezahlt hatte. Nun aber will Schmid selbst Kasse machen. „Ich werde dieses Jahr 80 Jahre alt und kann nicht mehr ewig warten.“

          Bis zu diesem Donnerstag hat er dem Freistaat eine Frist gesetzt, sein Angebot anzunehmen. Der Preis von 15 Millionen Euro beruhe unter anderem auf einem Gutachten des Tutzinger Antiquars Eberhard Köstler. Dieser allerdings hebt hervor, nur Einzelstücke aufgrund zurückliegender Auktionen geschätzt und addiert zu haben.

          Für Sachsens Verhandlungsführer Thomas Bürger ist das ein reiner „Liebhaberpreis“. „Der reale Wert liegt weit darunter“, sagt der Direktor der Landesbibliothek, der zudem moniert, bis heute keine Bestandsliste des Nachlasses zu haben.

          Sachsen bietet 3,5 Millionen

          Bürger beruft sich auf Gutachten von Professor Tilo Brandis von der Staatsbibliothek Berlin, das über eine Million Euro lautet, sowie des Münchner Auktionshauses Hartung & Hartung, das auf maximal sieben Millionen Euro kommt. Letzteres Gutachten ist nun die Grundlage für das Angebot, das deshalb 3,5 Millionen Euro beträgt, weil Schmid stets versichert habe, den Nachlass der Öffentlichkeit für die Hälfte zu überlassen, so Ministerin Eva-Maria Stange.

          „Wir haben größtes Interesse an dem Archiv“, versichert sie. „Allerdings müssen wir auch verantwortlich mit Steuergeld umgehen.“ Alternativ sei sie auch bereit, über die Einrichtung einer Stiftung zu sprechen.

          „Der Preis ist inakzeptabel“

          Für Schmid ist das alles ein einziger Affront. Der Preis sei inakzeptabel, die Stiftung ein einziger Unsinn und die Überlassung für die Hälfte von der Ministerin hineingeheimnist. „Ich begreife nicht, dass sich Sachsen das entgehen lässt“, sagt er fassungslos. Jetzt werde er den Nachlass wohl oder übel einzeln versteigern, Interessenten dafür gebe es genug. „Sachsen hat hier eine große Chance vertan“, sagt Schmid. „Es ist vorbei.“

          Weitere Themen

          Der Weltuntergang wird abgesagt

          Wagner in Chemnitz : Der Weltuntergang wird abgesagt

          Das tut Chemnitz gut: Die Regie von Elisabeth Stöppler und ein ganz beeindruckendes Ensemble bescheren der Stadt und der Oper eine großartige Deutung von Richard Wagners „Götterdämmerung“.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.