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Karl-May-Ausstellung : Die Geschäfte des Herrn Winnetou

Karl May als Kara Ben Nemsi, Alois Schießer 1896 Bild: Berlin, Privatsammlung Kißner

Greenhorns sind wir doch alle: Das Deutsche Historische Museum huldigt dem Leben und Werk Karl Mays. Die Ausstellung zeigt, was es einmal bedeutet hat, Volksschriftsteller zu sein: etwas zwischen Goethe und Kurt Cobain.

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          Im Reisen fand er zu sich selbst. 1899, auf dem Höhepunkt seiner Popularität, fuhr er endlich in die Länder, die er in seinen Abenteuerromanen aus dem Orient und Nordafrika beschrieben hatte, und von da an wollte er kein Populärschriftsteller mehr sein. Zwar posierte er, wie jeder Orientreisende jener Zeit, auf einem Kamel vor den Pyramiden, vor ihm seine Ehefrau Emma, neben ihm die Freundesgattin Klara Plöhn, die er drei Jahre später heiraten sollte. Aber sein Blick vom Kamelrücken herab auf die Welt rückte die Fiktionen zurecht, mit denen er sich seine Position erschrieben hatte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Feierlich, „mit großer Ceremonie“, verabschiedete er sich in Ägypten von seinem früheren Ich, „mit Schiffssteinkohlen“ versenkte er den alten Karl May, den Vielgelesenen, im Roten Meer. Von seiner Reise brachte er ein Heft voller Verse mit, einen Gedichtband, dem er den Titel „Himmelsgedanken“ gab. „Ich sehe Berge ragen / Dort an der Steppe Rand. / Es soll mein Fuß mich tragen / Hinauf ins bess're Land.“ Es wurde sein erster Flop.

          Der Erfolg selbst

          Andere Schriftsteller haben Erfolgsgeheimnisse, Karl Mays Geheimnis ist der Erfolg selbst. Hunderte Millionen Leser haben seine am Schreibtisch erlebten Abenteuer verschlungen, seine in Ich-Form erzählten Reisegeschichten aus einem Wilden Westen, einem Afrika und Arabien, die es niemals gab. Noch als Erwachsener wird man, wenn man die Winnetou-Serie oder den Orientzyklus an beliebiger Stelle aufschlägt, sofort in den Text gesogen, widerstandslos wie ein Süchtiger vor seinem Stoff. „Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet?“ Da spricht ein Greenhorn zum anderen, aber der Leser weiß es nicht, er lässt sich mitziehen, und der Verführer lohnt es ihm mit immer neuen Aufschneidereien, Phantastereien, moralischen Belehrungen.

          Filmfoto zu Old Shatterhand, Deutschland/Frankreich/Italien 1963/64

          Das Ende des Kaiserreichs hat diese Texte nicht angekratzt, die Nationalsozialisten, von Mays Witwe Klara tatkräftig unterstützt, bissen sich an ihnen die Zähne aus, und selbst die DDR gab nach dreißig Jahren Druckverbot klein bei, weil Old Shatterhand nicht totzukriegen war. Zuvor hatten viele ihrer Bürger in Handarbeit die zerfledderten May-Bände abgetippt, um den Inhalt für ihre Nachkommen zu bewahren. Eine Liste solcher Tipp-Arbeiten, Dokument erbitterten Fleißes, hängt jetzt hinter Glas im Deutschen Historischen Museum Berlin.

          Die Untiefe der Nation

          Die Ausstellung im DHM versucht nicht, das Rätsel dieser Faszination zu lösen. Sie liest Karl May nicht, sie zeigt ihn nur. Das hat seine Vorteile, etwa den der Übersichtlichkeit. Wollte man ernsthaft über Mays Wirkung reden, müsste man eine Kulturgeschichte der Deutschen erzählen, deren Umfang die Räume des Pei-Baus sprengen würde. Die Untiefe Mays ist die Untiefe der Nation, das hat Kafka, Arno Schmidt und Heiner Müller zu ihm hingezogen und reizt noch heute zum Wiederlesen. Der deutsche Drang nach Ordnung und Erlösung, bei größeren Künstlern formbewusst versteckt, sprudelt bei May wie eine Ölquelle aus jedem Satz: „Empor ins Reich der Edelmenschen“ hieß sein letzter Vortrag, gehalten in Wien acht Tage vor seinem Tod. Der Veranstalter war sich seiner Sache nicht ganz sicher und gab eine Umfrage unter literarischen Berühmtheiten in Auftrag. Max Brod gestand seine Bewunderung für den Mann, „der so vielen Leuten einen Balkan und ein Syrien seiner Phantasie vorgezaubert“ habe, und auch Thomas Mann freute sich auf den „gar nicht uninteressanten Charlatan“ aus Radebeul. „Soll er nicht Räuberhauptmann gewesen sein? Ich glaube, ich würde mir ein Billet kaufen.“

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