https://www.faz.net/-gqz-7x765

Karl-Kraus-Projekt : Die Schule der Vernichtung

  • -Aktualisiert am

Schule der Verachtung: Karl Kraus Bild: Ullstein

Karl Kraus war erbarmungslos gegen seine Feinde, dafür verehren ihn viele Feuilletonisten und Schriftsteller bis heute. Wir nicht.

          Im Bonn der späten neunziger Jahre gab es einen Dozenten, der jungen Studenten, die Journalisten werden wollten, beibrachte, was einen guten Kritiker ausmacht. Dieser Dozent, ein hagerer Mann mit einer blonden Bürstenfrisur und einem Rucksack, auf dem ein eingerollter Fuchs abgebildet war, ließ seine Studenten vor allem zwei Autoren lesen: Rolf Dieter Brinkmann – und Karl Kraus. Bei ihnen, bekamen die Studenten beigebracht, lerne man, „radikal“, „unversöhnt“, „scharfsinnig“ der Gesellschaft „einen Spiegel vorzuhalten“.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die erste Aufgabe der Bonner Studierenden bestand darin, sich an der wütigen Großlitanei „Rom. Blicke“ von Brinkmann warmzulesen und dann den Verriss eines beliebigen aktuellen Kulturprodukts im Stil von Karl Kraus zu verfassen – und die Studierenden gaben sich alle Mühe, ein Buch, eine Ausstellung, einen Film möglichst böse, kaltherzig und aphoristisch scharf kleinzumachen, weil es eben kleingemacht werden musste.

          Einige, die diese Schule durchliefen, wurden später wirklich Kritiker, sie schrieben für Zeitungen und Radios Verrisse, immer an Karl Kraus denkend: Sie vernichteten Romandebüts, sie höhnten über erste kleine Galerieausstellungen. Sie wussten nicht, wogegen sie kämpften und wofür, warum genau sie etwas verrissen, was ihnen daran nicht gefiel. Sie hatten abgespeichert, dass Kritik in Deutschland „Erledigung“ bedeutete. Sie hatten eine grimmige Freude daran, alles Herausragende in den Brei des Mittelmaßes zurückzustampfen. Sie lernten, die Welt durch einen Hämefilm zu betrachten und nur hin und wieder seinen Gegenstand gnädig mit einem anerkennenden Schulterklopfen zu bedenken – und sie wussten, dass sie klingen mussten wie Karl Kraus.

          Mit Kraus begann ihre Erziehung zur Kälte, zum Desinteresse am Menschen, zum Kulturjournalismus als elaborierter Form von Häme, der Glaube, dass die gekonnt gesetzte Infamie einen Inhalt, eine Überzeugung, eine Idee davon, wie es besser, anders sein sollte, ersetze.

          Anleitungen zur Vernichtung

          Aber sie begriffen Kraus nicht. Sie sahen sein Drama nicht, sahen nicht, dass sein Menschenhass immerhin dort aufklärerisch war, wo er die durch und durch korrupte Medienbranche seiner Zeit traf, wo seine Rhetorik auf die Fragwürdigkeiten der Psychoanalyse und die Bigotterie der Kriegslyriker zielte, die nach dem Krieg als Pazifisten auftraten. Die Lehre aus Kraus war nicht, sich furchtlos mit mächtigen Feinden anzulegen; der Kraus der deutschen Journalistenschulen ist vor allem ein Sound, eine Anleitung zur gnadenlosen, unbedingten „Erledigung“, zu Vernichtungen ohne Ziel.

          Kann man Kraus das vorwerfen, was deutsche Journalistenschulen und Literaturwissenschaftler aus ihm machen? Natürlich nicht. Kraus, 1874 in Böhmen geboren, Herausgeber und ab 1912 alleiniger Autor der Zeitschrift „Die Fackel“, Satiriker, scharfer Kritiker der Presse und gleichzeitig damals einer ihrer Stars, starb 1936.

          Interessant aber ist, warum und von wem Kraus heute, 2014, als Leitbild und Offenbarung empfohlen wird – und was aus ihm gemacht wird. Soeben ist Jonathan Franzens Buch „Das Kraus-Projekt“ auf Deutsch erschienen (Rowohlt, 19,95 Euro), in dem er die beiden Essays „Heine und die Folgen“ und „Nestroy und die Nachwelt“ von Karl Kraus mit eigenen Fußnoten der Begeisterung versieht.

          Scharfsichtig, aber warmherzig: Jonathan Franzen

          Wie kann das sein? Der sanfte Franzen und der wütende Kraus?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimapaket der Regierung : Worauf sich die Koalition geeinigt hat

          Die Spitzen der Koalition haben sich auf eine Klimastrategie geeinigt. Künftig müssen für CO2-Ausstoß Zertifikate gekauft werden, der Plan einer CO2-Steuer ist dafür vom Tisch. Für Bürger sollen im Gegenzug einige Entlastungen kommen.

          Verfassungsschutz bei Youtube : Humor gegen Dschihadismus

          Nordrhein-Westfalens Verfassungsschutz will den Salafismus dort bekämpfen, wo er bisher freie Hand hatte: in der Youtube-Welt der Jugend. Ein Satire- und ein Informationsformat klären über das Thema auf.
          Millionen Zuschauer wollen die Fußball-Nationalmannschaft spielen sehen. Doch auf welchem Sender können sie das künftig?

          Telekom kauft alle Live-Rechte : Fußball-EM 2024 erstmals ohne ARD und ZDF

          Die Telekom hat sich die Live-Rechte an allen 51 Spielen der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland im Jahr 2024 gesichert. Das hat die F.A.Z. exklusiv erfahren. Damit gehen die Öffentlich-Rechtlichen Sender ARD und ZDF erstmals leer aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.