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Karl-Kraus-Projekt : Die Schule der Vernichtung

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Man würde auch gern erfahren, wohin ein Denken führt, das zum Misstrauen gegen Erzähler aufruft, die sich, wie Kraus beklagt, „in exotischen Milieus herumtreiben“, von wo aus dem Leser dann „der Flugsand der französischen Sprache“ in die Augen treibt, die eben noch eine leicht herumzukriegende Frau war, offenbar aber eine aus Sand, während Heine leider auch „der deutschen Sprache“, vor der man ja einst ein ganzer Kerl sein musste, „so sehr das Mieder gelockert hat, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können.“

Herrjeh! Der Vorwurf, der in dieser Galerie der schiefen Bilder sichtbar wird, ist: Heine sei zu süßlich, zu spielerisch, zu charmant, französisch kraftlos, ohne tiefen germanischen, sprachfrauenbezwingenden Eigentlichkeitsdonner. Die Hoffnung: dass der deutschen Sprache das Mieder zugeknöpft wird, wenn sich in Deutschland die aus Frankreich hereingeschwappte „intellektuelle Schmutzflut“ verläuft und „das Kopfwerk sprachschöpferischer Männlichkeit“ wieder in sein Recht gesetzt wird.

Man kann, bei all der Kraus-Verehrung, schon auch einmal fragen, was man heute, wenn man nicht an die wohltuende Wirkung von Xenophobie, Frauenverachtung, Nationalismus und diffusen Männlichkeitsritualen auf die deutsche Sprache glaubt, von diesem Kraus lernen, was man an seinem Stil bewundern soll. Aufklärerisch haben viele andere gewirkt. Man kann Zolas „J’accuse“ lesen, man kann Heines oder Tucholskys kluge, warmherzige, nicht minder scharfe Satiren lieben, die Kraus vor allem einen Humor voraushaben, der den Menschen nicht verlorengegeben hat. Es ist eine deutsche Eigenart, Hass und Borniertheit ohne größere Umwege zu begehrenswerten romantischen Essentialien, nämlich als Ausweis von „Unbedingtheit“, „Radikalität“, „Tiefe“ zu verklären – ohne zu sehen, dass sie das Gegenteil davon sind.

Zurück zur Warmherzigkeit

„Mit unserem Misstrauen haben wir immer recht“, schreibt Franzen in seine Fußnoten hinein. Das ist das Kraus-Gift, das alle seiner Verehrer so magisch anzieht: Schreiben im Modus des Verdachts, des Misstrauens, des Schnüffelns nach Fehlern, statt frei heraus das Schöne zu lieben. Das herrliche Gedicht Heines über das vom Sonnenuntergang entzückte Fräulein: „Mein Fräulein, sein Sie munter, / Das ist ein altes Stück; / Hier vorne geht sie unter, / Und kehrt von hinten zurück.“ Kraus erkennt hier „Heines Zynismus“, das Niveau seiner Sentimentalität stehe „auf dem Niveau des Fräuleins“. Franzen erinnert sich an den Moment, als er Heines Zeilen zum ersten Mal las, an seine Begeisterung – „Wow, dachte ich, der ist ja einer von uns.“ Dann las er Kraus, und er erkannte, was an diesem Gedicht „problematisch ist“. Die Liebe war weg. Verachtung war an die Stelle getreten. Ist das ein Gewinn?

Jonathan Franzen ist kein kalter Zyniker, kein Weltverkleinerer. Seine „Korrekturen“ sind einer der wichtigsten und emphatischsten Romane der letzten Zeit, ein Werk, das scharfsichtig, aber warmherzig mit den Schwächen seiner Protagonisten umgeht, die Welt nicht hasst, sondern vom Kampf einiger Menschen handelt, sie erträglicher, leuchtender, schöner und größer zu machen. Wie er das gemacht hat? Er habe einfach, im Gegensatz zu Kraus, irgendwann angefangen, Romane zu schreiben. Dafür sei es das Wichtigste, „sich vorzustellen, wie es ist, jemand zu sein, der man nicht ist“. Und das untergrabe auf Dauer noch die größte Wut. „Je länger ich Romane schrieb, umso weniger vertraute ich meiner eigenen Selbstgerechtigkeit.“ Und der seines frühen Meisters.

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