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Karin Fellners Lyrik : Du wirst gelebt worden sein

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Schaf hoch Schaf: In Fellners Lyrik fängt dieses lebendige Quadrat dann auch noch an zu blinken. Bild: dpa

Karin Fellners Lyrik mag Verstand und Sprachgefühl herausfordern – und ist doch rund und schön. Ihre kluge, detailversessene Arbeit an ihrem fünften Gedichtband hat sich ausgezahlt.

          Der Fatalismus hat der deutschen Literatur große Momente beschert. Als Goethes Faust klagte, er habe sich „mit heißem Bemühn“ doch nur ein Eigentor geschossen. Oder als der Brecht’sche Mensch munter sang: „Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so“. In diese Tradition fügt sich die Lyrikerin Karin Fellner. Bei ihr darf man zusehen, wie die schicksalsverzweifelte Zukunft als Madame Fu „das Futur mit ihrem Absatz einklopft: Du wirst das Spiel nicht ändern, wenn du das Spiel ändern willst.“ In diesem Bild kulminiert, was unsere Gegenwart auszeichnet: die vermeintliche Zukunftsoffenheit, bei der jeder seines Glückes Schmied sein soll.

          Das Gefühl, durch die bestehenden Spielregeln dennoch determiniert zu sein. Die impliziten Schönheitsmaßstäbe: Madame Fu hat hohe Schuhe mit Absätzen zur Hand. Und nicht zuletzt der Rhythmus, der unser Leben bestimmt: der binäre Code von „eins und null“ – klopf, klopf, klopf, klopf. Bilderversiert, zeitdiagnostisch avanciert, äußerst gewitzt und tragisch-komisch sprechen Fellners Verse direkt im Anschluss die dunkelste Prophezeiung aus, die die Lyrik 2019 bislang zu bieten hat: „Du wirst gelebt worden sein.“

          Die Entwicklung vom Huf- zum Feingliederwesen

          Wie das Schicksal zu Karin Fellner auch gewesen sein mag, ihre kluge, detailversessene Arbeit an ihrem fünften Gedichtband hat sich ausgezahlt. Der 1970 in München geborenen, dort heute als Lektorin, Übersetzerin und Schreibtrainerin arbeitenden Autorin ist damit ein großer Wurf gelungen. Schon „Ohne Astronautenanzug“ aus dem Jahr 2012 fiel als filigrane Komposition auf. In ihrem neuen Band bestechen alle sechs Zyklen gleichermaßen durch ihre poetische Qualität.

          Karin Fellner: „eins: zum andern“. Gedichte. Parasitenpresse, Köln 2019. 86 S., br., 10,– .

          Wagen wir den Begeisterungstest: Reißen wir, obwohl es schmerzt, ein Versbündel aus ihrem Zyklus „Schaf hoch Schaf“ aus, einer erhellenden Auseinandersetzung mit der Evolutions- und Kultur- und Wissensgeschichte: „Zu ihrem Behuf erstellen Zucht- und Ordnungsämter / Vitrinen für Knochen, z.B. für den Daumen von Darwin, / Missing Link zu FOMO.“ Der altmodische „Behuf“ spielt auf den Unterschied von Hand und Huf an, einer der evolutionären Treiber in der Entwicklung vom Huf- zum Feingliederwesen.

          Darwins Daumen lässt grüßen und mit ihm die menschliche Ordnungs- und Ausstellungslust, die den Menschen als Kulturwesen auszeichnet. Oder dient diese Lust nur zu dem Zweck, intellektuell zu kompensieren, dass es bei Menschen mit dem Rennen nicht mehr so geschwind klappt wie bei den Huftieren? Zumal das Daumenwesen Mensch zwar greifen und begreifen kann wie kein anderes Lebewesen. Aber diese Gabe zugleich der „Missing Link zu Fomo“ ist, der „Fear of missing out“. Das ist die Angst, etwas zu verpassen. Schon einmal auf einer Reise wenige hundert Meter vor der eigentlichen Sehenswürdigkeit umdrehen müssen, ohne sie zu Gesicht zu bekommen?

          Hochkultur schafft Fomo-Schmerz. – Drei Zeilen, die man als Fellner-Leser „Schaf hoch Schaf hoch Schaf“ nehmen muss, denn erst die Potenz „blinkt im Quadrat“ und „ist doch rund und schön!“. Für Fellners Können spricht zudem, dass sie eine spezifische Technik der Verdichtung entwickelt hat und sie auf allen Ebenen ihrer Gedichte umzusetzen versteht. Gekonnt schiebt sie einzelne Sätze, Satzglieder, Wörter oder Wortpartikel ineinander, als wären sie Teleskopstangen. In den „Vorsätzen“, die ihren Band eröffnen, etwa formiert Fellner vier Zweizeiler, die jeweils mit einem Fragezeichen enden.

          Vier Absätze, vier Fragen, so suggeriert der Text: „magst du aufmachen, dich oder mich, und wohin, fragst du vielleicht, gibt es Schlüssel, er- oder entschließt sich Sinn, umzugehen, womit?“ Was wie eine einzelne Frage aussieht, umfasst fünf ineinandergeschobene Fragen. Lektüre bedeutet, die einzelnen Stäbe auseinanderzuschieben und die komplexe Fragekonstruktion zu entfalten.

          Das Teleskopverfahren setzt Fellner auch auf Wortebene ein: „im Abfluss der Finessen, -anzen, -ten“ lautet ein solcher Dreiklang. Auf diese Weise sagen ihre Verse „eins und ,s andere zugleich: ‚Du bist mein Ko.‘ / (ergänze: -sen, -libri, -bold.) So geht bei Fellner Liebe. Einfach, einleuchtend und konsequent geht diese teleskoppoetische Lyrik vor. So entfaltet sich auch das Gegenprogramm zur dunklen Prophezeiung: „Du wirst gelebt worden sein.“ Nicht, wenn man sich auf diese Gedichte einlässt.

          Karin Fellner: „eins: zum andern“. Gedichte. Parasitenpresse, Köln 2019. 86 S., br., 10 Euro,– .

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