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„Kanak Sprak“ nach achtzehn Jahren : Die Geister, die ich rief

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, 47, in diesem Frühjahr am Kieler Hindenburgufer Bild: Daniel Pilar

Als „Kanak Sprak“ vor achtzehn Jahren erschien, war das Buch eine Sensation: Weil es den Einwanderern der zweiten Generation eine Stimme gab. Was machen die Protagonisten heute? Eine Spurensuche.

          8 Min.

          Das Leben ist ein Scheißding. Es wird mit einem Wort benannt, und doch kann man es dann nicht einmal in der Vielzahl begreifen. Man könnte die Mücken eines Schwarms zählen, im Hochsommer. Und im Spätherbst oder am Winterabend welke Blätter zählen, die der Wind von den Ästen reißt. Das Unmögliche ist nicht verrechenbar; und unmöglich ist es auch, nach Luft zu schnappen und sie in den Mund zu stopfen, dass der Hunger endlich vergehe. Wer macht sich diese Gedanken? Ein rotter Kindskerl mit Höhlenmenschenaugen. Ein Mann, der auf der obersten Stufe vor der Haustür sitzt und ins Ungefähre starrt. Er spricht von der falschen Jahreszeit, von der Schwärze der Novembernacht, er redet sich Speichelblasen an die Mundwinkel. Er sagt: Scheißding, das Leben, und ich, ein Drecksstück. Ich denke: Er dudelt eine sentimentale Männermelodie ab - bin ich deshalb hergekommen?

          Fleischschmerz, Kopfschmerz, der Schmerzensmann neben mir müsste zum Arzt. Er müsste sich Speck an die Hüften fressen. Öfter über öde Witze lachen. Nicht mehr den Müttern seiner Kinder nachweinen. Drei Frauen in fünf Jahren, denke ich, sie haben ihn geliebt und dann aber verstoßen, weil der Mann langsam irre wurde in der Stube. Er wollte zum Familienvater reifen. Er wollte endlich einsehen, dass er in all den Jahren nicht vom Kleinkriminellen zum großen Boss befördert wurde. Alles Geschwätz. Der letzten Frau, mit der er zusammen war, sagte er, der Teufel habe ihn für das bürgerliche Leben verdorben, er sei nun mal ein Lumpenhund und nur unter seinesgleichen glücklich. Große Worte.

          Nur ein Hippie trägt Silberringe

          Sie warf ihn raus, er nahm die Fluchtklappe. Am Tage der endgültigen Ehezerrüttung rief ich sie an, es war reiner Zufall. Wie konnte ich ihn auftreiben, wo war er anzutreffen? Versuch’ es mit der Gosse, sagte sie und legte auf.

          Also hielt ich mich an ihren Rat und strich durch die Straßen - es dauerte nicht lange, bis ich ihn traf. Er war vom Kieler Ostufer in die Plattenbausiedlung Mettenhof umgezogen, er nannte es einen erstklassigen Abstieg. Er erkannte mich nicht gleich, ich hatte die Haare abgeschnitten und lief nicht mehr im knöchellangen schwarzen Ledermantel herum. Auf das Blickduell am Anfang der Begegnung ließ ich mich nicht ein, ich stellte mich vor - der Eierkopf, rief er aus, ich erinnere mich; und bist du jetzt glücklich, weil du was Besseres bist? Ich verneinte. So einer wie du landet auf der Metallbahre, sagte er, so einer wie du fängt sich aus Versehen eine Kugel ein.

          Ohne Überleitung sprach er vom aufgesetzten Kopfschuss als die beste Möglichkeit, einen Knilch umzupusten. Ich hörte zu, musste ihm aber versichern, dass ich nicht heimlich das Aufnahmegerät eingeschaltet hatte. Natürlich klopfte er mich ab, es verdross ihn, dass er mich keiner Täuschung überführen konnte. Nur ein Hippie trägt Silberringe, sagte er, du bist ’ne Hippieschwuchtel, da nützt es nix, dass du dir die Haare abgeschnitten hast, ich an deiner Stelle würde den Friseur ans Scheunentor nageln, du siehst aus wie ’ne Oma mit Pelz auf’m Kopp.

          Aufstieg durch Heroin

          Ich setzte mich neben ihn auf die Treppenstufe, grinste, schwieg, hielt es aus. Das war das rituelle Welpenbalgen, zur Begrüßung gab es statt warmer Worte eine Schmähung nach der anderen. Hat er seine Porträtskizze in „Kanak Sprak“ gelesen? Ja, hat er - komische Worte, komische Geschichte, und trotzdem erkannte er mich wieder. Mehr Zeit könne er mir nicht schenken, ich solle mich langsam trollen. Zum Abschied gibt er mir einen Rat: Du bist ein Schreiber, du paust uns alle ab, dann hockst du in der Bude, zerreißt die Kopie, machst ein eigenes Bild, wirfst alle Schnipsel in die Luft: Was bist du? Ein Eierkopf im Konfettiregen. Pass bloß auf, dass du nicht meschugge wirst.

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