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„Kanak Sprak“ nach achtzehn Jahren : Die Geister, die ich rief

  • -Aktualisiert am

Keine weiteren Besuche mehr bei den Geistern

Er will wissen, wie es den anderen, den Übriggebliebenen, geht. Nicht gut, sage ich, sie sind aber dem Elend entronnen, nur das zählt. Blöde Antwort. Sein Lieblingsausruf: Mach aus zwanzig Cent sechs Euro. Aus fünf Euro einen Hunderter. Geh’ in die Tausende. Geh’ durch die Decke. Der Neugläubige und ich sprechen über diesen Führer der Rotten, der es nicht zur Kieler Legende brachte. Er verglomm, zurück blieb von ihm ein Geisterlicht. Ist er gewaltsam umgekommen? Nein. Hat er sich umgebracht? Nein. Untergetaucht, abgeschoben, weggezogen? Nein. Was dann? Gerüchte: Boss O. legte bei den Bullen eine Lebensbeichte hin, das Vögelchen sang, und seine Leute gingen baden. Nein, sagt der Neugläubige A., das Zeug zum Verräter hatte er schon, er wollte es aber unkomplizierter. Er hat sich einfach aus dem Geschäft zurückgezogen und hat geheiratet. Eine Afrodeutsche aus München; sie lacht ihn aus, wenn er mit Kanakenmackerdeutsch Härte vorgaukelt, sie ist hart, und er ist ihr Lehrling.

Wir lachen, wir lachen, weil wir noch am Leben sind. War er schon immer gläubig? A. starrt mich an, er entdeckt nicht Hohn, noch Spott in meinen Augen. Er sitzt da wie ein alter Mann im Ballsaal, wie ein alter Mann, der an seinem Hörgerät dreht. Glaube auf Verhandlungsbasis, flüstert er, und ich weiß, ich muss jetzt schweigen: Die neue Hitze Gottesfurcht hat ihn veredelt. Küssender Hund wurde Mensch. Doch die Kämpfe dauern an.

A. fühlt sich in Gegenwart eines geistesabwesenden Schreibers unwohl. Abschied. Keine Wiedersehensversprechen. Kein goldener Handschlag. Das war’s, keine weiteren Besuche mehr bei den Geistern. An der Tür, im engen Türspalt stehend, fährt er mich an: Du bist in mich hineingeschlüpft und wieder herausgeschlüpft. Du bist der Abdruck in meinem Schädel, hinter meinen Lidern. Sollen wir dich etwa bejubeln? Sei froh, dass ich dich nicht verfluche. Dass dich die anderen Jungs nicht anfallen. Gott mit dir.

Wofür haltet ihr mich? Wofür halte ich euch?

Gut, ein Nachsatz, eine halbe Verwünschung, aber das war’s. Ich mache mich auf den Heimweg, unterwegs fängt es an zu regnen, ich stelle mich unter einen Unterstand, schaue hinaus auf Hunde und Herrchen, auf Frau unterm Werberegenschirm, auf behandschuhte Frühsportler, auf Taxifahrer, die feine Damen an der Kreuzung absetzen. Wütend bin ich an diesem Sonntag - wofür haltet ihr mich? Für den unsauberen Geist, der in Körper einzieht und sie für kurze Zeit bewohnt. Ihr Fleisch, meine Wohnstätte. Lächerlich.

Wofür halte ich euch? Die Enthemmten einer ausgeleuchteten Szene sind raus. Großer Kater. Stabilitätsschwindel. Vom Schicksal gerade noch begnadigt. Vereist oder aufgeweicht. Nicht mehr einer üblen Sippschaft zugehörig. Erloschene. Aufflammende. Risiken Scheuende. Meine ich wirklich die Geister meines ersten Buches? Was ist mit mir? Bin weitergezogen, bin in wirkliche und eingebildete Körper eingezogen. Habe sie nicht verraten, noch sie missbraucht. Trau dich, denke ich, und schreib es auf, also schreibe ich es auf: Was für ein Mordstheater um Bücher. Hab den Mut, denke ich, und schreib den nächsten Satz auf, und ich schreibe: Ich bin echt, wenn ich spiele. Die Geister spielen, indem sie das Echte vergessen und verlernen.

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