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„Kanak Sprak“ nach achtzehn Jahren : Die Geister, die ich rief

  • -Aktualisiert am

Ich schmuggelte heiße Ware in den Literaturbetrieb

Habe ich mich der bewussten Fälschung schuldig gemacht? War ich der Fuchs, der die Gans gestohlen hatte? Ja. In „Kanak Sprak“ habe ich echte Figuren in die Fiktion überführt und sie als Ich-Erzähler sprechen lassen. Dieser Akt ist eine Verletzung des Gewebes, eine vorsätzliche Entstellung, ein schwerer Eingriff, der mit der künstlerischen Freiheit entschuldigt wird. Jeder, der in meinem Kompendium liest, kann die Kanakporträts als Steckbriefalbum verstehen. Er kann sich aber auch herzlich wenig darum kümmern und sagen: Der Schreiber Zaimoglu verkauft mir dies Buch als aufbereitetes authentisches Material - ich glaube es ihm nicht!

Damals, in der Hochzeit der Diskurskämpfe, wunderte ich mich schon über die harten Vorwürfe. Die Ungläubigen und die Zweifler verwies ich auf das Vorwort, das ich den Kanak-Monologen vorangestellt hatte. Darin skizzierte ich in knappen Strichen meine Arbeitsweise. Man unterstellte mir im Gegenzug, ich würde um Glaubwürdigkeit betteln. In Wahrheit wäre ich doch nur der schreibende Arm der Kieler Ethno-Küstenkriminalität; ich würde mich sogar eigens für die Auftritte aufhübschen.

Was meinten sie damit? Die Silberringe an den Fingern, der protzige Schmuck. Ich sagte: Machen Sie mir ruhig meinen schlechten Geschmack zum Vorwurf, Sie haben ja recht. Die häufigste Aufforderung damals lautete: Geben Sie endlich Ihre Tarnidentität auf! Tun Sie nicht so, als wären Sie einer von denen! Tu ich doch nicht, sagte ich, das ist bloße Rollenprosa. Es half alles nichts - im Urteil, in den Augen der meisten Betrachter war ich ein zwischen dem Echten und Unechten flirrendes Gespenst. Ich schmuggelte heiße Ware in den Literaturbetrieb und gerierte mich als hartgesottener Kurier - da durfte ich nicht auf Gnade hoffen.

Was soll man schon von Halunken in Anzügen halten?

Auf dem Weg zum nächsten Buchhelden grübele ich darüber nach, ob es wirklich eine gute Idee ist, die harten oder schäbigen Jungs von einst aufzusuchen. Einige sind tot: erschossen, erstochen, erstickt am eigenen Erbrochenen. Andere siedelten ins Stammland der Eltern um. Die meisten blieben und wechselten ins Leben minderbemittelter Bürger, sie haben Arbeit und verdienen wenig, oder sie beziehen Arbeitslosenhilfe, haben Schmerzen an Nacken und Rücken.

Der Mann, den ich als Nächstes besuchen will, steckt fest in der Fluchtklappe - der Versuch, aus einer herben Geschichte herauszukommen, gilt als gescheitert. Er war Putzmann im Bordell, zwei Jahre lang, schrieb und schreibt Sonette. Ein Dichter. In seinen Versen beschwört er kaputte Elektrogeräte, summend anzugehen, die roten Lämpchen sollen aufleuchten, dann die grünen Lämpchen blinken: Dies Blinklicht sei die Seele des Metalls im Gehäuse. Auch er empfängt mich bei sich zu Hause, ich erkenne ihn kaum wieder. Kein Gramm Fett. Die Muskeln an Kinn und Schläfen strafft er in den Redepausen. Ein tätowierter Wilder, der nicht nach dem Schoß seiner Mutter riechen mag. Der sich geröstetes Kälbergekröse in den Mund schaufelt, den vollen Löffel führt er vom Teller zum Mund. Er weidet sich an meiner Verstörung. Er nennt mich: einen Erkenntniskönig, lacht sich die Augen feucht, isst den Teller leer.

Letzter Hausbesuch. Ich klingele beim Wundenmann. Wieso heißt er so? Weil er sich öfter beim Öffnen einer Konservendose in die Hand schnitt. Er begrüßt mich nach althergebrachter Sitte mit dem Gottesgruß. Einen Bart hat er sich stehen lassen, er trägt ein weißes kragenloses Hemd, das knapp den Hosenbund bedeckt. Dunkler Tee für ihn, löslicher Kaffee für mich, Gebäck für uns beide. Verbrecher, Abzocker, Asphaltspucker, die Freunde von einst sind wie Schnee weggeschmolzen. Einer hat sich losgesagt und hingegeben der Gottesverehrung. Den Mann wird er später treffen, sie planen nichts, sie bilden keine Keimzelle, sie haben mit Politik nix am Hut. Er fragt: Bist du Moslem? Ja, sage ich. Die Herrscher heizen uns ganz schön ein, was? Ja, sage ich, was soll man schon von Halunken in Anzügen halten? Meine Antwort gefällt dem Neugläubigen, wir verlachen beide die Bitterkeit.

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