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Kafkas Sätze (69) : Eine gläserne Wand

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Beim Schreiben der Novelle „Beschreibung eines Kampfes“ äußert Franz Kafka den Wunsch, in seinen Text hineinzuspringen. Patrick Bahners über einen Perspektivwechsel, der nicht durch einen Zaubertrick, sondern nur durch einen Gewaltakt möglich wird.

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          Ich werde in meine Novelle hineinspringen und wenn es mir das Gesicht zerschneiden sollte.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die auf den 15. November 1910, 10 Uhr, datierte Tagebuchnotiz Kafkas bezieht sich auf das aus dem Nachlass unter dem Titel „Beschreibung eines Kampfes“ publizierte, in zwei Manuskripten erhaltene Textkorpus. Der Eintrag umfasst zwei Sätze; der erste lautet: „Ich werde mich nicht müde werden lassen.“ Nach der Erinnerung von Max Brod handelt es sich bei der „Beschreibung eines Kampfes“ um den ersten Text, den Kafka ihm vorgelesen hat. Die Entstehung soll bis ins Jahr 1904 oder sogar 1902 zurückreichen. Eine Lesung hat nach Brod am 14. März 1910 stattgefunden; vier Tage später heißt es in einem Brief Kafkas, die Novelle sei „aus dem Haus“. Der Tagebucheintrag bezieht sich also auf den Versuch einer Überarbeitung.

          Soll man ihn so verstehen, dass Kafka das Problem des Einstiegs, des ersten Satzes, überspringen wollte? Im Bild vom Hineinspringen in die Novelle wird die Literatur als Fortsetzung der räumlichen Welt vorgestellt, die der Autor bewohnt. Dem Augenschein nach gelten in beiden Sphären dieselben Gesetze, der Übertritt müsste ohne weiteres möglich sein. Ihn verhindert ein Widerstand, den man erst sieht, wenn man gegen ihn gestoßen ist: eine gläserne Wand.

          Ins barocke Bild eines Martyriums

          Die Novelle liegt hinter der Glaswand schon fertig, man möchte sagen: lesbar da. Aber es genügt offenkundig nicht, den gleichsam vorgeschriebenen Text mit den Augen auszumessen. Der Autor muss sich in sein Werk hineinversetzen, und zwar auf einen Schlag. Jede allmähliche Annäherung im Sinne eines Hineindenkens scheitert an der Barriere. Anders gesagt: Literatur ist nie bloß Wort, immer schon Syntax.

          Nicht durch einen Zaubertrick ist der Wechsel von der Außenperspektive zur Innenansicht möglich, sondern nur durch einen Gewaltakt, indem der Autor mit seinem Körper die Glasscheibe zerschmettert und in Kauf nimmt, dass die Splitter sich in sein Fleisch schneiden. Die Gestalt des Werkes hat die Verunstaltung des Autors zur Bedingung.

          Brod hat gemeint, die „Beschreibung eines Kampfes“ sei „gewissermaßen im Barockstil der Barockstadt Prag niedergeschrieben“. Das Verfahren der Niederschrift fasste Kafka ins barocke Bild eines Martyriums. Nur von den Wunden im Gesicht, die ins Gesichtsfeld treten, ist die Rede. Der Autor trägt seine Verletzung in dem Moment zur Schau, da er im Werk unkenntlich wird. Was stellte sich dem Autor in den Weg, bis er sich fast müde gemacht hatte? Was sah er, als er begriff, dass nur der Sprung in den Schmerz Rettung verhieß? Das eigene Spiegelbild.

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