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Kafkas Manuskripte : Der Process gehört uns allen

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Bereits veröffentlicht: Tagebucheintrag Franz Kafkas Bild: Museum für Kommunikation Frankfurt

Der Streit um das Erbe Franz Kafkas ist absurd. Viel interessanter ist die Frage, wann der spannende Brod-Nachlass endlich erforscht werden kann, findet Reiner Stach. Anmerkungen des Kafka-Biographen zu einer Geschichte, die nicht enden will.

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          Seit beinahe zwei Jahren steht die Richterin Talia Koppelman unter internationaler Beobachtung, und sie empfindet das, nicht ganz zu Unrecht, als kafkaesk. Denn sie hat, an einem unbedeutenden Familiengericht in Tel Aviv, lediglich über das Erbe einer mit 101 Jahren verstorbenen deutsch-jüdischen Emigrantin zu befinden. Ester Hoffe, so machen israelische Behörden geltend, versteckte in ihren Banksafes nationale Kulturgüter, die sie zu Unrecht als ihr Eigentum betrachtete und die sie daher auch nicht vererben konnte. Ein schwerer Schlag für die beiden Töchter – selbst schon weit in den Siebzigern –, die sich nicht nur berechtigte Hoffnungen auf den Inhalt der Safes, sondern auch auf das nicht unerhebliche Vermögen der alten Dame gemacht hatten. Dieses Vermögen bleibt nun eingefroren, bis über die staatliche Klage entschieden ist. Ohne Erbschein kein Erbe.

          Es ist das bislang letzte Kapitel einer ebenso wendungsreichen wie traurigen Geschichte, die seit fast einem Jahrhundert auf ihr gutes Ende wartet: der Geschichte von Kafkas Manuskripten. Wie Max Brod seinem zaudernden Freund die mit Tinte beschriebenen Blätter entriss, wie er sie, entgegen Kafkas testamentarischem Wunsch, der Nachwelt überlieferte und wie er sie schließlich vor dem Einmarsch der Nazis aus Prag rettete: das alles zählt längst zur germanistischen Folklore. Doch dieser heroischen Epoche folgte ein von Fehlentscheidungen, Besitzdenken und juristischen Spitzfindigkeiten geprägtes Nachspiel, das weit weniger bekannt ist und das die Öffentlichkeit nun kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt.

          Plötzlich Spekulationen um unveröffentlichte Manuskripte

          Auslöser des überlieferungsgeschichtlichen Debakels war Brods Entschluss, seine Vertraute und Mitarbeiterin Ester Hoffe als Erbin einzusetzen und ihr nicht nur sein eigenes umfangreiches Archiv, sondern auch die in seinem privaten Besitz befindlichen Kafka-Manuskripte und -Briefe zu überlassen (das heißt, zu schenken oder zu vererben, auch darüber wird gestritten). Er wünschte sich, dass alle diese Materialien eines Tages in ein öffentliches Archiv gelangten, das in der Lage wäre, nicht nur für den Ruhm Kafkas, sondern auch für sein eigenes literarisches Nachleben etwas zu tun, und darum war ihm, trotz aller Vorbehalte gegen das Land der Täter, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach besonders sympathisch. Doch nach Brods Tod 1968 ließ Ester Hoffe Jahrzehnte verstreichen, in denen sie vor allem damit beschäftigt war, Kafkas Manuskripte materiell auszuwerten, während Brods eigene Papiere unzugänglich blieben. Erst in ihren letzten Lebensjahren tat sie kund, dass nun auch sie einen Verkauf des verbliebenen Brod-Nachlasses nach Marbach für die beste Lösung hielte.

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