https://www.faz.net/-gqz-71uxm

Jungs wollen Superheldenbücher : Die bunten Seiten der Macht

  • -Aktualisiert am

Lesen soll Jungs mehr Spaß machen - da kommt Superman gerade recht Bild: 2012 DC Comics TM & Warner Bros. Entertainment

Die Zeiten der Geschlechternivellierung gehen vorüber. Kleine Jungs wollen keine Mädchenbücher lesen. Sie wünschen sich Superhelden, Waffen, Abenteuer.

          Also, sind da irgendwelche Magneten drin versteckt in diesen Büchern? So Jungsmagneten, die männliche Minileser magisch anziehen, wie von einer unsichtbaren Macht angesaugt, und sie dann hineinverschlingen in eine andere Welt? Es wirkt fast so, wenn eins dieser neuen Superhelden-Bücher auf einem Tisch oder auf dem Boden so herumliegt. Da kommen sie alle ran, die schon mit zwei, drei Jahren die Daumen-Zeigefinger-Bewegung des Bilderdehnens auf dem iPhone beherrschten und seitdem vor allem von kleinen Bildschirmen angezogen werden: sechsjährige, siebenjährige Jungs, die in der Pädagogik seit Jahren als die problematische Geschlechterhälfte in dieser Altersklasse gelten. Denn: Jungs lesen nicht. Das ist die Problemformel der ersten Schulklassen.

          Klar, das war schon immer so, zumindest nach dem Klischee: Lesen ist was für Mädchen. Jungs haben anderes im Kopf. Für sie ist das Lesen Mühe, für Mädchen ist es Spaß. Und in der Tat ist die Lesekompetenz unter den Geschlechtern schon seit langem ungleich verteilt. Doch in den letzten Jahren ist die Schere immer weiter auseinandergegangen. Immer mehr Jungs verlieren schon in den ersten Lesejahren den Anschluss. Für sie ist das Lesen mühselig, langweilig, anstrengend, blöd; und die Probleme, die daraus folgen, potenzieren sich mit den Jahren. Den Jungs fehlt die Grundlage für fast alles. Und die Qual des Lesenmüssens ist der Basisärger und die Basishürde in fast allen Fächern.

          Muskelmädchen als Heldinnen

          Es fehlt vielen Jungs vor allem das Gefühl, dass Lesen Spaß machen kann. Dass es beim Lesen genau um die Dinge geht, die sie in diesem prägenden Alter am liebsten machen. Also: kämpfen, mit dem Schwert oder mit anderen Waffen, Superhelden-Geschichten nachspielen, mit Raumschiffen fliegen, Raumschiffe bauen. Die Kinderbuchverlage haben sich mit den Jahren auf diese - nun ja - Marktsituation eingestellt und immer mehr Erstlesebücher herausgebracht, die vor allem für Mädchen geschrieben worden sind. Also einerseits die klassischen Pferde-, Prinzessinnen- und Lotte-Bücher, aber andererseits natürlich auch immer mehr Geschichten mit den neuen Muskelmädchen als Heldinnen, die in den Büchern die klassischen Jungsrollen übernehmen.

          Wie schon in dem Janosch-Klassiker „Löwenzahn und Seidenpfote“, von 1978, mit den traurigen Mause-Eltern, die sich so sehr Nachwuchsmäuse wünschen. Herr Mauser will einen Sohn, damit der endlich den frechen Fuchs weghaut und in seinem Männermäusetraum dem Fuchs schon mal drohend zuruft: „Der würde dich von der Erde pusten, dass du bis Hannover fliegst. Und zwar ohne Flugzeug, du Zwerg!“ Und Frau Maus will unbedingt ein Mäusemädchen, und das soll Seidenpfote heißen, „weil ein Mädel zart und lieblich sein muss. Und fleißig und klug.“ Als dann endlich tatsächlich Minimäuse auf die Welt kommen, kommt es natürlich genau umgekehrt: „Löwenzahn wuchs nicht und blieb klein und schmächtig. Dafür wurde er aber schlau. Seidenpfote wurde auch nicht zart und lieblich und schon gar nicht wollte sie nähen. Aber sie wurde mutig und verwegen wie ein Räuberhauptmann.“

          „Nur für Jungs“

          Die Geschlechterrollen wurden in den Kinderbuchjahren darauf kräftig durcheinandergewirbelt, und das Prinzip Seidenpfote - also Mädchen als Muskelmäuse und Jungs als schmächtige Schlaumeier mit Hang zur Handarbeit - wurde das bestimmende Prinzip in vielen neuen Büchern. Ein sich selbst bestätigendes System. Das mit Sicherheit zu der abnehmenden Leselust und Lesekompetenz der Jungs beigetragen hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Titel für Bayern München : Der Meister der Tränen

          Die Münchner holen den Titel mit Toren der scheidenden Franck Ribéry und Arjen Robben. Das rührt nicht nur Uli Hoeneß. Auch Trainer Niko Kovac erlebt einen ganz besonders emotionalen Moment.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.