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Junge neue Literatur : Raus aus der Schutzzone

Kat Kaufmann Bild: Alexey Kiselev

Fremdenhass, Antisemitismus, soziale Vereinzelung: Was die literarischen Debüts dieses Sommers über das Land sagen, in dem wir leben. Bücher von Mercedes Lauenstein, Mirna Funk, Kat Kaufmann und Karl Wolfgang Flender.

          6 Min.

          Versteht man Deutschland nachts besser? Sollte, wer sich für die kollektiven Ängste im Land interessiert, mit dem Beobachten überhaupt erst nach Sonnenuntergang beginnen?

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine junge Frau bleibt abends zu Hause, während auf der Feier, auf der sie eigentlich eingeladen ist, jemand ein Foto von ihr an die Wand hängt, ihr mit einem schwarzen Edding einen Hitlerbart über die Oberlippe malt und das Ganze auf Facebook postet. Eine andere klingelt weit nach Mitternacht an den Türen der Häuser, in denen sie Licht sieht, lädt sich dort ein und hofft, dass sie auch wieder herauskommt. Eine dritte wacht im Berliner Westen allein auf einer Parkbank auf und fragt sich, was sie dort tut.

          Die Nacht ist perfekt für sie

          Und natürlich könnte man jetzt sagen: Das ist Zufall, dass die interessantesten Debüts, die in diesem Sommer erscheinen – von Mirna Funk, von Mercedes Lauenstein und von Kat Kaufmann –, alle nachts beginnen, von der Nacht handeln oder in ihren entscheidenden Szenen nachts spielen. Richtige Nachtleben-Bücher sind es ja auch nicht, was aber eher eine gute Nachricht ist, weil man das Clubkultur-Drogen-und-Ausschweifungsgenre nach Rainald Goetz’ „Rave“, Airens „Strobo“ oder Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ für eine ganze Weile lang erst mal auch nicht mehr braucht. Gab’s ja schon.

          Da die neuen Bücher aber alle drei von dem Land erzählen, in dem wir leben, von sozialer Vereinzelung, von Fremdenhass, von Antisemitismus, ist die Nacht perfekt für sie, weil dort, wo es dunkel ist, wo zu viel getrunken wird oder man sich auf sich selbst zurückgeworfen sieht, Grenzen unbedachter überschritten werden, Dinge schneller eskalieren, Wahrheiten in der Überzeichnung deutlicher werden. Wo lassen sich Ängste besser aufspüren als da?

          München bei Nacht

          Erste Station ist München: „Nachts“ heißt das Buch von Mercedes Lauenstein, 27 Jahre alt, Journalistin in der „jetzt“-Redaktion der „Süddeutschen Zeitung“, ein Buch, das eher eine literarische Reportage ist als ein traditioneller Roman. Die Erzählerin, die sich immer neue Namen gibt, läuft durch die Straßen der unterschiedlichsten Viertel, guckt, in welchen Fenstern noch Licht brennt, versucht die dazugehörigen Wohnungen auszumachen und klingelt: Samstag um 3 Uhr 28, Freitag um 4 Uhr 51, Mittwoch um 2 Uhr 33.

          Wenn dann ein Fenster aufgerissen wird und jemand schreit, was das denn solle, so mitten in der Nacht, läuft sie weg. Wenn jemand aufmacht, geht sie hinein. Und dann stehen wir mit ihr da in Hausfluren, Küchen und Wohnzimmern, in denen es manchmal merkwürdig riecht oder unklar bleibt, wer sonst noch da ist. „Was machst du nachts, wenn du nicht schläfst?“, fragt sie und trifft komischerweise durchgängig auf Menschen, die alleine wach sind, was gar nicht selbstverständlich ist. Man könnte ja auch zu zweit oder zu dritt lange auf sein und das Licht noch brennen haben.

          Mirna Funk

          Doch scheinen diejenigen, die die Tür öffnen, den Besuch zum Anlass zu nehmen, Beichte abzulegen oder sich neu zu erfinden, die Erzählerin hineinzulassen, gerade weil sie alleine sind. Die Einsamkeit treibt sie an und verleitet sie gleichzeitig dazu, ein Risiko einzugehen, das umgekehrt auch die, die hineingeht, in Kauf nimmt: Sie hoffe, sich nicht mehr allein zu fühlen, wenn sie den Schlaflosen in ihrer Einsamkeit begegne, sagt die Erzählerin. Es ist ein bisschen wie beim Autorennen. Man guckt zu, ist dabei und wartet irgendwie doch die ganze Zeit darauf, dass eine Runde schiefgeht und der Wagen gegen die Leitplanke knallt.

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