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Junge neue Literatur : Raus aus der Schutzzone

Karl Wolfgang Flender
Karl Wolfgang Flender : Karl Wolfgang Flender Bild: Birte Filmer

Das Betörende dabei ist die oft rücksichtslose Härte des Tonfalls, der ohne Posen auskommt, also in seine eigene Härte überhaupt nicht verliebt ist. Eine rauhe junge weibliche Stimme, wie man sie sonst nicht oft hört. Kat Kaufmann weiß im Schlaf, wie sie ihre Sätze am besten reduziert, welche Wörter sie besser weglässt, sie hat ein besonderes Gefühl für Rhythmus. Das muss man erst mal hinkriegen.

Der Roman ist die Bestandsaufnahme einer inneren Zerrissenheit in einer Gesellschaft, die keinen Schutz bietet. Ein Gefühl, das sich, wie Izy es sich erträumt, auflösen könnte in dem, was die Quantenphysik „Superposition“ nennt – übereinandergelagerte Zustände, die nur als Gesamtzustand messbar sind: „Sei da und hier und überall sonst zur gleichen Zeit“, heißt es im Roman.

Rechteck über der Oberlippe

Womit wir bei „Winternähe“ wären, dem ersten Roman der in Ost-Berlin geborenen Autorin Mirna Funk, 34 Jahre alt, die mit der Hitlerbart-Szene auf Facebook beginnt und dem daraus resultierenden Prozess vor Gericht: Funks Protagonistin Lola, die wegen des von ihr zirkulierenden Hitler-Fotos Anzeige erstattet hat, betritt aus Provokation den Gerichtssaal mit einem sorgfältig mit schwarzem Kajalstift aufgetragenem Rechteck über ihrer Oberlippe.

Sie wird des Saals gleich wieder verwiesen, diejenigen, die hier eigentlich vor Gericht sitzen, werden aber nicht weiter strafrechtlich verfolgt. Das ist der Punkt, an dem Lola aufhört, zu erdulden, dass die Menschen, die ihr begegnen, jeder in einer anderen Weise glauben, über ihre Identität bestimmen zu können: „Wer ist der Jude bei dir in der Familie?“, fragt Toni, Plattenladenbesitzer in der Berliner Torstraße, sie abends im Restaurant so laut, dass sich alle Personen an den umliegenden Tischen umdrehen. „Mein Vater“, antwortet Lola leise. „Dann bist du ja gar keine Jüdin. Soweit ich weiß, muss deine Mutter Jüdin sein.“

Mirna Funk lässt Lola mit der Frage, wer sie ist, rastlos umherreisen: Berlin – Tel Aviv – Jerusalem – Bangkok – Berlin.Was die Philosemiten, die Anhänger des Reformjudentums, die Orthodoxen über sie sagen, lässt sie hinter sich. Warum soll sie nicht selbst bestimmen können, wer sie ist. Nur den scheinbar beiläufig eingestreuten antisemitischen Anfeindungen entkommt sie nicht. Sie lauern in den Gesprächen mit Freunden, tauchen bei harmlosen Verabredungen auf, einfach so dahingesagt, nicht von NPD-Wählern, sondern von Berlin-Mitte-Hipstern, die grün wählen, im LPG-Markt einkaufen und das Comedy-Programm von Oliver Polak lieben, weil der so lustig ist:

„Mir wäre das peinlich, einem ganzen Volk siebzig Jahre lang Theater zu machen. Ich fände es cool, wenn die Israelis und auch die Juden endlich verzeihen würden. Ich fände es cool, wenn sie sagen würden, so, siebzig Jahre sind eine lange Zeit, uns reicht es jetzt auch langsam. Vergeben und vergessen.“

So stürzen sich diese drei Stimmen gegen alle Widerstände ins Leben. Eine Weile lang hat es ja geheißen, die junge deutsche Literatur riskiere wenig und stelle sich nicht der Realität. Diese drei tun es, und genau genommen gibt es noch einen vierten Roman, der es tut: „Greenwash Inc.“ des in Bielefeld geborenen Karl Wolfgang Flender, 29 Jahre alt, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „BELLA Triste“. Flender erzählt vom Typus des Zynikers, Mitarbeiter von „Mars & Jung“, einer Agentur, die sich auf so genannte „Hope Stories“ spezialisiert hat: Geschichten, durch die das wohltätige Engagement großer Unternehmen in aller Welt ein menschliches Gesicht erhalten, mit dem man auch Lügen verkaufen kann. Oder Fair-Trade-Zertifikate.

Er erzählt es ausgezeichnet recherchiert und gut zu lesen. Nur bleibt man lesend auf Distanz, weil man sich dem „Ich“ eines Zynikers eben nicht so ohne weiteres anheimgibt. Mercedes Lauenstein, Mirna Funk und Kat Kaufmann dagegen ziehen einen unwiderstehlich hinein in die Nächte, in denen wir mit ihnen besser sehen können.

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