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Junge neue Literatur : Raus aus der Schutzzone

Im Buch heißt die Leitplanke Egon und wohnt in einem verschachtelten Siebziger-Jahre-Bau: „Ich hab dich schon mal gesehen“, sagt der Mann und schnauft. „Du mauerst die Häuser.“ Sie denkt: „Der Typ ist nicht ganz dicht“ und beginnt reflexartig seine Sprache zu imitieren: „Warum bist du hier?“, fragt er. – „Es gab einen Sonnensturm.“ Er sperrt sie auf seinem Balkon aus. Er steht mit einem kleinen Messer vor ihr im Treppenhaus, als das Licht ausgeht. Man fragt sich, ob sie weiter an Türen klingeln wird und wenn ja, warum. Aus welchem Grund – das ist in diesem Buch die grundsätzliche gesellschaftliche Frage – die Schutzzone verlassen, die die Vereinzelung bedeutet, in der wir uns befinden. Lohnt es sich? Und um welchen Preis?

Berlin ist nicht Berlin

„Hey you, out there in the cold. Getting lonely, getting old. Can you here me?“, heißt das Pink-Floyd-Motto von „Nachts“, das klassisch und dezent wirkt im Vergleich zu dem, was die in Leningrad geborene Kat Kaufmann, 34 Jahre alt, Schriftstellerin, Komponistin und Fotografin, ihrem Roman „Superposition“ mit voller Wucht voranstellt: „Alle Personen in diesem Buch haben sich selbst frei erfunden oder wurden von Mutter, Vatter, Schulkameraden, Arschlöchern und Wichsern zu dem gemacht, was sie sind. Und der Jude ist nicht reich. Und der Russe ist nicht kalt. Und Berlin ist nicht Berlin.“

Nun gibt es jetzt sicher diejenigen, die bei den Worten „Arschlöcher und Wichser“ die Augen verdrehen, weshalb zumindest kurz erwähnt sei, dass für all jene, für die das zu viel Wirklichkeit ist, es in diesem August womöglich passendere Lektüre gibt, nämlich den Debütroman des „Zeit“-Journalisten Adam Soboczynski. „Fabelhafte Eigenschaften“, heißt der, spielt in einem Martin-Mosebach-artigen Setting und handelt von einem Tiermaler namens Hans Weinling, der sich verliebt.

Und ähnlich wie bei Fotos, die man mit einem Sepia-Filter mit altmodischer Anmutung einfärben kann, klingt die Sprache so, als sei sie insgesamt mit einer Art Thomas-Mann-App bearbeitet worden. Das Ganze spielt heute, darf aber nicht so klingen: „Der Parvenü trinkt den guten Wein mit lauten Bekundungen über seine Schmackhaftigkeit, weltläufige Menschen nehmen ihn mit alltäglicher Routine zu sich und machen überhaupt viel Aufhebens um Großartiges“, heißt der zweite Satz.

Oder, weiter hinten: „Es lag an Hans, das Lokal auszusuchen, ein französisches in Berlin-Mitte, das seine kostspielige Vortrefflichkeit durch die stadtteiltypisch herausgestellte Unverkrampftheit vernebelte.“ Mit dem, was die Nacht über dieses Land erzählt, hat Soboczynskis beschauliche Künstlergeschichte erwartungsgemäß eher wenig zu tun.

„Wowohnstdu?“

Also lieber zurück dahin, wo es spannend ist: Kat Kaufmanns Erzählerin heißt Izy Lewin, ist Russin und Jüdin, eine Musikerin, als Kind Schülerin der Leningrader Musikschule, die sich mit Jazzkonzerten in Berlin Geld verdient. Sie bewegt sich durch die Stadt mit dem Gefühl, wenn überhaupt nur halb dazuzugehören:

„Wir sind das Extra in diesem Land. Wir sind die, über die man redet. Wir werden niemals hierher passen. Und dort, wo wir herkommen, passen wir längst nicht mehr. Die ganze Klasse lacht, während du nicht einmal verstehst, warum alle lachen, weil das einzige, was du vielleicht kennst, ,Hände hoch‘ und ,Heil Hitler‘ ist. Aus alten Filmen gemerkt. Und die fragen ,Wowohnstdu?‘, und du weißt nicht mal, wie viele Worte das sein sollen, geschweige denn, was sie bedeuten.“

Sie taucht ab auf einer Russenparty, immer mehr Menschen, die sie aus der Kindheit kennt, begegnet sie jetzt hier in Berlin („Willkommen im Dschungel!“). Sie protokolliert mit lässiger Beiläufigkeit die Zumutungen, Anfeindungen und Angriffe, denen sie ausgesetzt ist, was sie nicht davon abhält, sich zu wehren, tatsächlich zurückzuschlagen und sich auch weiterhin ins Leben zu stürzen, mitten hinein.

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