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Das Geschäft der Überwachung : Weh dir, dass du voll Daten bist!

Einblicke in die Überwachungswirtschaft: die Journalistin Julia Angwin. Bild: Archiv

Die Journalistin Julia Angwin hat mit „Dragnet Nation“ ein Buch darüber geschrieben, wer was über sie weiß, und wer sie wie überwacht. Eine Reise in den puren Horror.

          Alles sehen, alles wissen, nichts erzählen: Nach dieser Devise operiert der detektivisch-industrielle Komplex der Sicherheitsbehörden und Internetkonzerne. In der Snowden-Affäre gaben sich die Kommunikationsdienstleister Mühe, sich als Opfer oder verhinderte Gegenspieler des Staates darzustellen. Aber wie die Journalistin Julia Angwin in ihrem soeben veröffentlichten Buch über ihre Erfahrungen mit der Überwachungswirtschaft darlegt, deutet schon die Chronologie darauf hin, dass Behörden und Unternehmen gemeinsame Interessen im Datenbankgeschäft haben, die ihnen nahelegen, gemeinsame Sache zu machen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren der Anlass für Gesetze, die von der National Security Agency als Ermächtigung zur vorsorglichen Totalerfassung des Fernmeldeverkehrs ausgelegt wurden. Gleichzeitig bildete sich nach dem Platzen der Dotcom-Blase ein neues Geschäftsmodell der Internetwirtschaft heraus: Die virtuellen Läden sollten sich nicht mehr durch Werbung finanzieren, sondern durch den Verkauf von Kundendaten.

          „Dragnet Nation“ ist im Buchverlag der „New York Times“ erschienen. Der Titel spielt auf den investigativen Bestseller „Fast Food Nation“ von Eric Schlosser aus dem Jahr 2001 an: Die massenhafte Preisgabe privater Informationen erscheint als nationales Laster, ein Ergebnis von Marketingstrategien, die bei der Bequemlichkeit der Konsumenten ansetzen, ihrer Neigung zum Vertrauten und scheinbar Billigen. Im Brennan Center der New York University, einer Forschungsstelle für Bürgerrechte, die nach William Brennan benannt ist, einem liberalen Richter des Obersten Gerichtshofs, stellte die Autorin ihr Buch vor.

          Pulitzer-Preis für Korruptionsermittlungen

          Julia Angwin arbeitet seit neuestem für Pro Publica, eine aus Stiftungsgeldern finanzierte Reportergemeinschaft, die durch nachhaltige Recherchen dem Gemeinwohl dienen will. Vorher schrieb sie dreizehn Jahre lang für das „Wall Street Journal“; 2003 gehörte sie zu einem Team, das einen Pulitzer-Preis für Korruptionsermittlungen in der Privatwirtschaft bekam.

          Als sie jetzt für ihr Buch den Versuch unternahm, alle bei öffentlichen und privaten Stellen über sie gesammelten Daten einzusehen, stieß sie in den Akten der Grenzpolizei, der Customs and Border Patrol, auf interne Informationen über die Dienstreisen, die sie im Auftrag ihrer Zeitung absolviert hatte. Das Reisebüro, das der Dow-Jones-Konzern beschäftigte, hatte ohne Wissen des Auftraggebers die Angaben über die Reiseanlässe aus den Dienstreiseanträgen weitergegeben.

          Im Datenaustausch zwischen Behörden und Privatfirmen gibt es einen Drehtüreffekt wie beim Personal jener Spezialisten, die zwischen öffentlichen und privaten Arbeitgebern wechseln und auch in offiziellen Dokumenten als „Geheimdienstgemeinschaft“ („intelligence community“) bezeichnet werden. Einige Bundesstaaten verkaufen die Personendaten der Wählerverzeichnisse an Spezialfirmen, die sie aus anderen Quellen anreichern und anderen Regierungsstellen zurückverkaufen. Der nonchalante Umgang gerade mit diesen Daten wirkt besonders obszön vor dem Hintergrund schikanöser Wahlgesetze in republikanisch dominierten Staaten, die es im Namen der Bekämpfung des Wahlbetrugs Wählern aus minderbemittelten Schichten erschweren, den dokumentarischen Beweis ihrer Identität zu führen.

          Bezahlen bitte mit persönlichen Daten

          Etwa zweihundert Firmen betreiben den Handel mit sortierten Konsumentendaten im großen Stil. Nur zwölf dieser „Datenmakler“ wollten Julia Angwin verraten, was sie über sie wissen. Es fehlt ein Datenschutzrecht mit Anspruch auf Akteneinsicht. Die Reporterin war schockiert darüber, wie viel Wissen über sie angehäuft worden ist, und mehr noch über die Fehlinformationen oder, genauer gesagt, die Fehldeutungen im Gewand von Informationen.

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