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Die Schriftstellerin Juli Zeh auf dem Land in Brandenburg. Bild: Gene Glover / Agentur Focus

Literatur und Landleben : Die Verdorfung der Literatur

Seit Neuestem spielen deutsche Romane am liebsten auf dem Land. Wo Autorinnen wie Juli Zeh oder Judith Hermann leben. Was suchen sie dort? Und was findet man, wenn man ihre Bestseller liest?

          7 Min.

          Die Deutschen ziehen aufs Land. Erst neulich wurde wieder eine Studie veröffentlicht, der zufolge sich zahlreiche Großstadtbewohner vorgenommen haben, die Metropolen zu verlassen. Großstädte seien kein Sehnsuchtsort mehr, nicht in und auch nicht nach der Pandemie, hieß es. Doch hatten die großen Städte auch schon vor der Pandemie längst aufgehört, Sehnsuchtsorte zu sein. Der neue Sehnsuchtsort ist das Dorf. Am liebsten, so kommt es einem vor, würden inzwischen die allermeisten Städter aufs Dorf ziehen. Weil es billiger ist. Weil es ruhiger ist. Im Fall des gehobenen Mittelstands: weil eine Wohnung in der Stadt zu profan erscheint, also einfach nicht reicht.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wenn die Städter es doch nicht aufs Land schaffen, spielen sie ständig mit dem Gedanken, vielleicht nächstes Jahr rauszuziehen, machen Pläne, die sie verwerfen, suchen rastlos nach Immobilien im Umland der Großstädte, in denen sie leben. Sie zeigen sich berauscht von dem Gedanken, das Ideal des einfachen Lebens mit einer zweckmäßigen oder ungeheuer vielversprechenden Geldanlage zu verbinden. Oder sie lesen Bücher, die von ihrer Sehnsucht handeln und von denen, die schon da sind, wo sie hinwollen; Dorfmärchen, Dorfträume, Dorfkrimis: die ganze neue deutsche Dorfliteratur.

          Mit „Unterleuten“ fing es an

          Denn dieser Dorfliteratur entkommt man überhaupt nicht mehr. Das Dorf – und das sagt viel nicht nur über die Deutschen, sondern auch über die deutsche Literatur – ist der eigentliche Star vieler gerade erscheinender Gegenwartsromane. Und damit sind nicht unbedingt nur Krimis wie David Safiers „Miss Merkel – Mord in der Uckermark“ gemeint. Der Dorfhype in der Literatur hält vielmehr seit Juli Zehs Roman „Unterleuten“ an, jenem in einem fiktiven Dorf in der Prignitz im westlichen Brandenburg spielenden Roman von 2016, in dem die Autorin in wechselnden Perspektiven von Gewinnern und Verlierern der Wende erzählt, von Einheimischen, Kapitalisten und aus Berlin zugezogenen Stadtflüchtlingen. Eine überschaubare Gesellschaft, zwischen deren Protagonisten es, als ein Windpark in unmittelbarer Nähe zum Dorf entstehen soll, zum Konflikt kommt.

          „Es könnte sein, dass Gesellschaftsromane überhaupt nur noch als Dorfromane möglich sind“, sagte, als „Unterleuten“ erschien, im Deutschlandfunk ein Literaturkritiker. Ein Satz, den man damals für völlig verrückt hielt. Warum sollte das so sein? Seit wann war ausgerechnet die Literaturwelt ein Dorf? Offenbar gab es aber genug Schriftstellerinnen, Schriftsteller und Verlage, die das genauso sehen wollten: Sarah Kuttner veröffentlichte 2019 ihren Roman „Kurt“, in dem ein Paar eine schwere Zeit durchmacht, „Brandenburg-Liebe“ aber Trost spendet, lange Baumalleen zum Sinnbild für Lebenswege werden und die Wildschweinwurst verköstigenden Nachbarn zu Verkörperungen romantischer Ursprünglichkeit.

          Judith Hermann
          Judith Hermann : Bild: Andreas Labes

          Die Filmemacherin und Autorin Lola Randl, die aus Berlin-Mitte in die sanfthüglige Endmoränenlandschaft der Uckermark ausgewandert und bekannt dafür ist, eine Weile lang ein japanisches Hipster-Café in Gerswalde bewirtschaftet und die ehemalige Gärtnerei des Gerswalder Schlosses in die Landschaftsarchitektur eines „Großen Gartens“ umgewandelt zu haben, wurde im gleichen Jahr für ihren Roman „Der große Garten“ zum Deutschen Buchpreis nominiert. Darin ging es um – Überraschung – die Filmemacherin Lola Randl, die dem Berliner Stadtleben den Rücken kehrt, um in Ruhe einen Garten zu bewirtschaften; die sich mit Saatzeiten und Bodenqualitäten beschäftigt, Schädlingen und Unkraut, Beschnitt und Lagerungstechniken – und doch feststellen muss, dass man vor sich selbst nicht davonlaufen kann. Nicht einmal in der Uckermark. Und Bela B. Felsenheimer, Schlagzeuger der Band Die Ärzte, schrieb „Scharnow“, einen Roman über einen erfundenen Ort in – schon wieder – Brandenburg, wo der Hund begraben ist und die Leute sich noch ehrlich betrinken.

          Das reichte. Dachte man. Das konnte nicht ernsthaft so weitergehen mit einer Literatur, die einem wie eine Mischung aus „Tatort“, sentimentalem Lehrstück und „Willkommen bei den Sch’tis“ erschien, jener französischen Filmkomödie, in der Kad Merad als Filialleiter der Post aus Südfrankreich in eine abgelegene nördliche Region strafversetzt wird. Doch es ging weiter. Denn dann kam Corona – und damit ging es erst richtig los.

          Homogene Mittestandsoasen

          Juli Zeh hat in einem Interview mit der Wirtschaftswoche einmal erzählt, dass sie mit ihrem Mann ursprünglich nach Berlin habe ziehen wollen, sie dann aber ein günstiges Haus im Umland gefunden hätten. Sie wollten sich dort eigentlich nur eine Wochenendexistenz aufbauen, ganz bürgerlich, seien dann aber irgendwie hängengeblieben. Seit 2007 wohnt sie in Barnewitz, einem Dorf im brandenburgischen Havelland, und erinnert sich an den Moment, in dem sie aufs Land zog, als einen, in dem sie „eine ganz andere Welt“ betrat. Nach dem Abitur wollten alle in die Stadt, einige Jahre später sei es vielen dort zu laut, zu groß, zu hektisch geworden, da habe der Rückzug begonnen. Das Dorf als Sehnsuchtsort, das sei ein Grund dafür gewesen, warum sie „Unterleuten“ geschrieben habe.

          In diesem Jahr hat sie mit dem Corona-Dorfroman „Über Menschen“ nachgelegt. Und es würde einen nicht wundern, wenn nächstes Jahr als drittes „Hinter Wäldern“ erschiene. Das wäre dann die große deutsche Dorftrilogie, die eine nur konsequente Bewegung beschreibt: Diejenigen, deren Sehnsucht es einmal war, nach Berlin-Prenzlauer Berg oder Kreuzberg zu ziehen, haben ihre Großstadtviertel in homogene Mittelstandsoasen verwandelt, in gentrifizierte Blasen, die ihnen dann selbst aber nach einiger Zeit langweilig und provinziell erscheinen – und ziehen als Gegenbewegung nun aus den Großstadtblasen in die Provinz, um sentimentalistisch endlich wieder „eine ganz andere Welt“ zu betreten.

          Anarchie der Dinge

          Wenn auf der ersten Seite von Juli Zehs „Über Menschen“ ihre in Münster aufgewachsene und von Berlin-Kreuzberg nach Brandenburg gezogene Protagonistin Dora den Spaten in den Grund und Boden rammt, der ihr jetzt gehört, dann schildert Zeh sie zwar auch ironisch: Jede Handlung im neuen „Flurstück“ erfordert ein You­tube-Tutorial. Aber sie verspottet sie nicht. Dora ist im Roman „kein typischer Großstadtflüchtling“. Sie ist nicht ins Dorf gezogen, „um sich mithilfe von Biotomaten zu entschleunigen“. Natürlich sei das Leben in der Stadt oft stressig, überfüllte S-Bahnen, Deadlines, Meetings, aber das könne man ja auch mögen, zumal der Stress in der Stadt wenigstens einigermaßen organisiert sei. Hier draußen auf dem Land dagegen herrsche „eine Anarchie der Dinge“. Dora sei umgeben „von Sachen, die tun, was sie wollen“; von einer „herrschsüchtigen Natur, die alles überwuchert, was sie in die rankigen Finger kriegt“.

          Schädlingen und Unkraut, Beschnitt und Lagerungstechniken
          Schädlingen und Unkraut, Beschnitt und Lagerungstechniken : Bild: Verlag Matthes und Seitz / privat

          Das klingt nach wildem Leben, endet aber als romantisches Märchen, in dem der Dorfnazi von nebenan zwar mal einen Linken abgestochen hat oder dabei war und mit seinen rechten Freunden das Horst- Wessel-Lied singt, unter besonderen Umständen dann aber doch zum Freund wird. „Über Menschen“ ist voller eigentümlicher, für die neu Dazugezogene geradezu exotischer Menschen, die ihr Herz aber natürlich alle am rechten Fleck haben. Denn das gehört zur DNA der neuen deutschen Dorfliteratur: die Knorrigkeit der Dorfeinwohner, die gern beim Vornamen genannt und in ihrer Eigentümlichkeit detailliert beschrieben werden wie besonders interessante Zirkuspferde.

          In Judith Hermanns Roman „Daheim“, der ebenfalls dieses Jahr erschienen, auch ein Dorfroman ist und wie Juli Zehs Buch seit Wochen auf der Bestsellerliste steht („Über Menschen“ aktuell Platz 1, 24. Woche; Judith Hermann Platz 18, 18. Woche), ist das zum Beispiel Mimi. Die Ich-Erzählerin hat ein Haus außerhalb eines Dorfes an der Küste gemietet, das einsam liegt, baufällig ist und an einer ungepflasterten, sandigen Straße steht, und sie hat eine Nachbarin, die sich als Mimi vorstellt: „Sie trug Gummistiefel und einen grünen Kittel, den sie sich mit einem Kälberstrick um die Hüften auf Taille gezogen hatte.“ Später springt Mimi gern auch mal nackt durch den Garten.

          Judith Hermanns Ich-Erzählerin hat ihren Mann verlassen und ist allein aufs Dorf gezogen, nachdem die Tochter aus dem Haus gegangen ist. Die wilde Ursprünglichkeit, die sie findet, verkörpert der Bauer Arild, der gar nicht groß etwas sagen muss. Arild zieht sie an, während sie gleichzeitig in die absolute Innerlichkeit abdriftet. Einmal breitet Mimi eine Wachsdecke auf einem Tisch aus, die mit der Weltkarte bedruckt ist: „Kontinente und Meere, zwei Pole, die Größenverhältnisse sind verwirrend, Amerika ist klein, Afrika der größte Kontinent, Spanien ist da, wo Italien sein sollte, Norwegen grenzt an Kanada. Trotzdem, es gibt die Meere, die ockerfarbene Wüste, das blaue Wasser.“ Tja, denkt man, ist aber eben leider nur eine Wachsdecke, weil sonst im Roman alles Dorf ist und Innenwelt der Ich-Erzählerin, alle suchen nach Schutzräumen, die sich als Fallen entpuppen können. Und als die Mutter einmal mit ihrer Tochter telefoniert, die draußen in der Welt auf einem Schiff unterwegs ist, bringt sie nicht mal in Erfahrung, was genau sie dort, wo sie ist, macht.

          Das Herz am rechten Fleck

          Ist die ganze Welt ein Dorf? Und kann man anhand eines Dorfes die ganze Welt erzählen? Oder, wie die Wochenzeitung Die Zeit diese Woche in Bezug auf Angelika Klüssendorfs Roman „Vierunddreißigster September“ behauptete, kann man „das ganze Elend und die ganze Gewalttätigkeit der deutschen Geschichte anhand eines Dorfes und seiner Bewohner entfalten“? Das könnte man. Aber die neuen deutschen Dorfromane tun es nicht. Auch nicht Klüssendorfs in dieser Woche erschienener Roman. Der nämlich spielt schon wieder in einem Dorf in Ostdeutschland, das der Beschreibung nach (wir sind ja so langsam Experten!) irgendwo in Brandenburg liegen könnte. Alle Kapitel sind mit den Vornamen der Dorfbewohner überschrieben, lauter urige Leute, Abgehängte, seit dem Fall der Mauer Gekränkte. Im ersten Kapitel geht es um Hilde, die in einer Silvesternacht ihren Mann, Walter, der einen Tumor hat, dies aber nicht weiß, mit der Axt erschlägt und auf die Party der Schriftstellerin geht, die mit Hund im Haus nebenan wohnt. Woraufhin der tote Mann als Geist das Dorf beobachtet, um herauszufinden, warum er sterben musste. Hilde dagegen verlässt das Dorf, der Roman folgt ihr aber nicht. Der Roman will unbedingt im Dorf bleiben.

          Angelika Klüssendorf
          Angelika Klüssendorf : Bild: Laif

          So entsteht eine Art Dorfchronik, aber sicher keine Chronik deutscher Geschichte und auch keine Soziologie des Dorfs. Vielmehr tauchen wieder die ganzen Dorfliteraturtopoi auf – in ätzenden Schilderungen auch „die Neuen“ aus der Großstadt, die jungen Bürgerlichen, Florian und Amelie nennt Angelika Klüssendorf sie, die sich hier ein Herrenhaus mit historischen Baustoffen saniert und zur Einweihungsfeier selbst gekelterten Quittensaft ausgeschenkt haben und sich in der dörflichen Umgebung selbstzufrieden ihrer Privilegien vergewissern. Aber die kennt man nach den vielen Dorfromanen schon. Es sind ja immer die gleichen Typen. Neu ist dagegen, dass in „Vierunddreißigster September“ nebenan diese Schriftstellerin wohnt und auch die mordende Ehefrau sich als Dichterin herausstellt, als die ihr Mann sie nie wahrgenommen hat. Da sind wir dann so weit, dass die neue Dorfliteratur von Schriftstellerinnen handelt, die auf dem Dorf wohnen und dort schreiben.

          Vielleicht könnten diese Schriftstellerinnen jetzt einfach mal anfangen, in ihren Romanen und Gedichten über etwas anderes zu schreiben als über das Dorf, in dem sie wohnen. Es ist eintönig und homogen geworden, eine langweilige Blase. Höchste Zeit, dass die deutsche Literatur mal wieder umzieht oder verreist. Das geht jetzt ja wieder. Doch sind es am Ende nicht nur die Autorinnen, die den Rückzug ins Dorf antreten. Es sind auch ihre Leserinnen und Leser, die die Dorfromane zu Bestsellern machen. Wenn in „Daheim“ eine Pfütze austrocknet oder es lange nicht geregnet hat, halten sie Judith Hermann zugute, dass ihr Roman doch auch von der Klimakatastrophe handele. Wenn Juli Zeh von Corona-Maßnahmen, Umweltaktivismus bis hin zum Neonazinachbar politische Themen einbaut, erfreuen sie sich am Anschein von Welthaltigkeit. Wenn Angelika Klüssendorf Menschen vorkommen lässt, die mit dem Zusammenbruch der DDR bitter geworden sind, vermuten sie einen Geschichtsroman. Es ist offenbar sehr angenehm, von den Erschütterungen der großen Konflikte nicht viel mitzubekommen. Wozu auch? Es ist doch so schrecklich schön und wunderbar übersichtlich auf dem Dorf.

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