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Die Schriftstellerin Juli Zeh auf dem Land in Brandenburg. Bild: Gene Glover / Agentur Focus

Literatur und Landleben : Die Verdorfung der Literatur

Seit Neuestem spielen deutsche Romane am liebsten auf dem Land. Wo Autorinnen wie Juli Zeh oder Judith Hermann leben. Was suchen sie dort? Und was findet man, wenn man ihre Bestseller liest?

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          Die Deutschen ziehen aufs Land. Erst neulich wurde wieder eine Studie veröffentlicht, der zufolge sich zahlreiche Großstadtbewohner vorgenommen haben, die Metropolen zu verlassen. Großstädte seien kein Sehnsuchtsort mehr, nicht in und auch nicht nach der Pandemie, hieß es. Doch hatten die großen Städte auch schon vor der Pandemie längst aufgehört, Sehnsuchtsorte zu sein. Der neue Sehnsuchtsort ist das Dorf. Am liebsten, so kommt es einem vor, würden inzwischen die allermeisten Städter aufs Dorf ziehen. Weil es billiger ist. Weil es ruhiger ist. Im Fall des gehobenen Mittelstands: weil eine Wohnung in der Stadt zu profan erscheint, also einfach nicht reicht.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wenn die Städter es doch nicht aufs Land schaffen, spielen sie ständig mit dem Gedanken, vielleicht nächstes Jahr rauszuziehen, machen Pläne, die sie verwerfen, suchen rastlos nach Immobilien im Umland der Großstädte, in denen sie leben. Sie zeigen sich berauscht von dem Gedanken, das Ideal des einfachen Lebens mit einer zweckmäßigen oder ungeheuer vielversprechenden Geldanlage zu verbinden. Oder sie lesen Bücher, die von ihrer Sehnsucht handeln und von denen, die schon da sind, wo sie hinwollen; Dorfmärchen, Dorfträume, Dorfkrimis: die ganze neue deutsche Dorfliteratur.

          Mit „Unterleuten“ fing es an

          Denn dieser Dorfliteratur entkommt man überhaupt nicht mehr. Das Dorf – und das sagt viel nicht nur über die Deutschen, sondern auch über die deutsche Literatur – ist der eigentliche Star vieler gerade erscheinender Gegenwartsromane. Und damit sind nicht unbedingt nur Krimis wie David Safiers „Miss Merkel – Mord in der Uckermark“ gemeint. Der Dorfhype in der Literatur hält vielmehr seit Juli Zehs Roman „Unterleuten“ an, jenem in einem fiktiven Dorf in der Prignitz im westlichen Brandenburg spielenden Roman von 2016, in dem die Autorin in wechselnden Perspektiven von Gewinnern und Verlierern der Wende erzählt, von Einheimischen, Kapitalisten und aus Berlin zugezogenen Stadtflüchtlingen. Eine überschaubare Gesellschaft, zwischen deren Protagonisten es, als ein Windpark in unmittelbarer Nähe zum Dorf entstehen soll, zum Konflikt kommt.

          „Es könnte sein, dass Gesellschaftsromane überhaupt nur noch als Dorfromane möglich sind“, sagte, als „Unterleuten“ erschien, im Deutschlandfunk ein Literaturkritiker. Ein Satz, den man damals für völlig verrückt hielt. Warum sollte das so sein? Seit wann war ausgerechnet die Literaturwelt ein Dorf? Offenbar gab es aber genug Schriftstellerinnen, Schriftsteller und Verlage, die das genauso sehen wollten: Sarah Kuttner veröffentlichte 2019 ihren Roman „Kurt“, in dem ein Paar eine schwere Zeit durchmacht, „Brandenburg-Liebe“ aber Trost spendet, lange Baumalleen zum Sinnbild für Lebenswege werden und die Wildschweinwurst verköstigenden Nachbarn zu Verkörperungen romantischer Ursprünglichkeit.

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