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Literatur und Landleben : Die Verdorfung der Literatur

Das Herz am rechten Fleck

Ist die ganze Welt ein Dorf? Und kann man anhand eines Dorfes die ganze Welt erzählen? Oder, wie die Wochenzeitung Die Zeit diese Woche in Bezug auf Angelika Klüssendorfs Roman „Vierunddreißigster September“ behauptete, kann man „das ganze Elend und die ganze Gewalttätigkeit der deutschen Geschichte anhand eines Dorfes und seiner Bewohner entfalten“? Das könnte man. Aber die neuen deutschen Dorfromane tun es nicht. Auch nicht Klüssendorfs in dieser Woche erschienener Roman. Der nämlich spielt schon wieder in einem Dorf in Ostdeutschland, das der Beschreibung nach (wir sind ja so langsam Experten!) irgendwo in Brandenburg liegen könnte. Alle Kapitel sind mit den Vornamen der Dorfbewohner überschrieben, lauter urige Leute, Abgehängte, seit dem Fall der Mauer Gekränkte. Im ersten Kapitel geht es um Hilde, die in einer Silvesternacht ihren Mann, Walter, der einen Tumor hat, dies aber nicht weiß, mit der Axt erschlägt und auf die Party der Schriftstellerin geht, die mit Hund im Haus nebenan wohnt. Woraufhin der tote Mann als Geist das Dorf beobachtet, um herauszufinden, warum er sterben musste. Hilde dagegen verlässt das Dorf, der Roman folgt ihr aber nicht. Der Roman will unbedingt im Dorf bleiben.

Angelika Klüssendorf
Angelika Klüssendorf : Bild: Laif

So entsteht eine Art Dorfchronik, aber sicher keine Chronik deutscher Geschichte und auch keine Soziologie des Dorfs. Vielmehr tauchen wieder die ganzen Dorfliteraturtopoi auf – in ätzenden Schilderungen auch „die Neuen“ aus der Großstadt, die jungen Bürgerlichen, Florian und Amelie nennt Angelika Klüssendorf sie, die sich hier ein Herrenhaus mit historischen Baustoffen saniert und zur Einweihungsfeier selbst gekelterten Quittensaft ausgeschenkt haben und sich in der dörflichen Umgebung selbstzufrieden ihrer Privilegien vergewissern. Aber die kennt man nach den vielen Dorfromanen schon. Es sind ja immer die gleichen Typen. Neu ist dagegen, dass in „Vierunddreißigster September“ nebenan diese Schriftstellerin wohnt und auch die mordende Ehefrau sich als Dichterin herausstellt, als die ihr Mann sie nie wahrgenommen hat. Da sind wir dann so weit, dass die neue Dorfliteratur von Schriftstellerinnen handelt, die auf dem Dorf wohnen und dort schreiben.

Vielleicht könnten diese Schriftstellerinnen jetzt einfach mal anfangen, in ihren Romanen und Gedichten über etwas anderes zu schreiben als über das Dorf, in dem sie wohnen. Es ist eintönig und homogen geworden, eine langweilige Blase. Höchste Zeit, dass die deutsche Literatur mal wieder umzieht oder verreist. Das geht jetzt ja wieder. Doch sind es am Ende nicht nur die Autorinnen, die den Rückzug ins Dorf antreten. Es sind auch ihre Leserinnen und Leser, die die Dorfromane zu Bestsellern machen. Wenn in „Daheim“ eine Pfütze austrocknet oder es lange nicht geregnet hat, halten sie Judith Hermann zugute, dass ihr Roman doch auch von der Klimakatastrophe handele. Wenn Juli Zeh von Corona-Maßnahmen, Umweltaktivismus bis hin zum Neonazinachbar politische Themen einbaut, erfreuen sie sich am Anschein von Welthaltigkeit. Wenn Angelika Klüssendorf Menschen vorkommen lässt, die mit dem Zusammenbruch der DDR bitter geworden sind, vermuten sie einen Geschichtsroman. Es ist offenbar sehr angenehm, von den Erschütterungen der großen Konflikte nicht viel mitzubekommen. Wozu auch? Es ist doch so schrecklich schön und wunderbar übersichtlich auf dem Dorf.

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