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Literatur und Landleben : Die Verdorfung der Literatur

Anarchie der Dinge

Wenn auf der ersten Seite von Juli Zehs „Über Menschen“ ihre in Münster aufgewachsene und von Berlin-Kreuzberg nach Brandenburg gezogene Protagonistin Dora den Spaten in den Grund und Boden rammt, der ihr jetzt gehört, dann schildert Zeh sie zwar auch ironisch: Jede Handlung im neuen „Flurstück“ erfordert ein You­tube-Tutorial. Aber sie verspottet sie nicht. Dora ist im Roman „kein typischer Großstadtflüchtling“. Sie ist nicht ins Dorf gezogen, „um sich mithilfe von Biotomaten zu entschleunigen“. Natürlich sei das Leben in der Stadt oft stressig, überfüllte S-Bahnen, Deadlines, Meetings, aber das könne man ja auch mögen, zumal der Stress in der Stadt wenigstens einigermaßen organisiert sei. Hier draußen auf dem Land dagegen herrsche „eine Anarchie der Dinge“. Dora sei umgeben „von Sachen, die tun, was sie wollen“; von einer „herrschsüchtigen Natur, die alles überwuchert, was sie in die rankigen Finger kriegt“.

Schädlingen und Unkraut, Beschnitt und Lagerungstechniken
Schädlingen und Unkraut, Beschnitt und Lagerungstechniken : Bild: Verlag Matthes und Seitz / privat

Das klingt nach wildem Leben, endet aber als romantisches Märchen, in dem der Dorfnazi von nebenan zwar mal einen Linken abgestochen hat oder dabei war und mit seinen rechten Freunden das Horst- Wessel-Lied singt, unter besonderen Umständen dann aber doch zum Freund wird. „Über Menschen“ ist voller eigentümlicher, für die neu Dazugezogene geradezu exotischer Menschen, die ihr Herz aber natürlich alle am rechten Fleck haben. Denn das gehört zur DNA der neuen deutschen Dorfliteratur: die Knorrigkeit der Dorfeinwohner, die gern beim Vornamen genannt und in ihrer Eigentümlichkeit detailliert beschrieben werden wie besonders interessante Zirkuspferde.

In Judith Hermanns Roman „Daheim“, der ebenfalls dieses Jahr erschienen, auch ein Dorfroman ist und wie Juli Zehs Buch seit Wochen auf der Bestsellerliste steht („Über Menschen“ aktuell Platz 1, 24. Woche; Judith Hermann Platz 18, 18. Woche), ist das zum Beispiel Mimi. Die Ich-Erzählerin hat ein Haus außerhalb eines Dorfes an der Küste gemietet, das einsam liegt, baufällig ist und an einer ungepflasterten, sandigen Straße steht, und sie hat eine Nachbarin, die sich als Mimi vorstellt: „Sie trug Gummistiefel und einen grünen Kittel, den sie sich mit einem Kälberstrick um die Hüften auf Taille gezogen hatte.“ Später springt Mimi gern auch mal nackt durch den Garten.

Judith Hermanns Ich-Erzählerin hat ihren Mann verlassen und ist allein aufs Dorf gezogen, nachdem die Tochter aus dem Haus gegangen ist. Die wilde Ursprünglichkeit, die sie findet, verkörpert der Bauer Arild, der gar nicht groß etwas sagen muss. Arild zieht sie an, während sie gleichzeitig in die absolute Innerlichkeit abdriftet. Einmal breitet Mimi eine Wachsdecke auf einem Tisch aus, die mit der Weltkarte bedruckt ist: „Kontinente und Meere, zwei Pole, die Größenverhältnisse sind verwirrend, Amerika ist klein, Afrika der größte Kontinent, Spanien ist da, wo Italien sein sollte, Norwegen grenzt an Kanada. Trotzdem, es gibt die Meere, die ockerfarbene Wüste, das blaue Wasser.“ Tja, denkt man, ist aber eben leider nur eine Wachsdecke, weil sonst im Roman alles Dorf ist und Innenwelt der Ich-Erzählerin, alle suchen nach Schutzräumen, die sich als Fallen entpuppen können. Und als die Mutter einmal mit ihrer Tochter telefoniert, die draußen in der Welt auf einem Schiff unterwegs ist, bringt sie nicht mal in Erfahrung, was genau sie dort, wo sie ist, macht.

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