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Höflich und wohlerzogen : Jugend ohne Plot

Aber als Problem des Schreibens stellt es sich jedem Schreiber neu: Wie soll man von sich sprechen, wenn einem nur die Sprache der anderen, der Eltern und Therapeuten zur Verfügung steht? Wie soll man die ungeheure Differenz, die man zu spüren glaubt und die man keinesfalls aufgeben will, beschreiben und behaupten, wenn schon die Wörter ein Gleichheitszeichen setzen? Wie wehrt man sich also in der Sprache gegen den „Schwachsinn der netten Idioten und alten Säcke“ (wie Rainald Goetz das nannte, als er jung war)?

Ironie und verbrauchte Sätze

Meinen hilft, schimpfen erst recht, beides hält die Sprache jung, weil der Nachschub an neuen Wörtern und Verknüpfungen immer gesichert ist. Jargon ist zwar selten besser als der allseits als korrekt empfundene Sprachgebrauch. Aber wenigstens ist er neu, anders, vom Aufsichtspersonal noch nicht okkupiert. Und wenn das alles nichts hilft, fällt der Text sich eben selbst ins Wort, versucht mit Ironie die Deutungshoheit über die verbrauchten Sätze wiederzugewinnen. Oder er lässt die Sätze Sätze sein, die Dinge Dinge und sagt zu den versteinerten Zeichen: Ihr könnt mich mal. „Draußen flog die Landschaft vorbei, wie es sich für Landschaften gehört.“

Das hört sich vermutlich so an, als ob die dauernde Selbstreflexion das Buch zu einer eher mühsamen Lektüre machte. Stimmt aber gar nicht, ganz im Gegenteil, das Ergebnis ist ein Stil, den man konzentriert nennen muss und integer, weil es darin kaum Sätze gibt, die nur so dahingeschrieben sind.

Auf diese Weise berichtet Nora also, und davon handelt ihr Bericht: Wie sie mit Leonie, Karl und Jonas ein paar träge Sommerwochen in einem Haus am Meer verbringt. Die vier Menschen haben miteinander, was sonst nur Paare haben, erst liebten sich Nora und Karl, dann verliebte sich Karl in Leonie, ohne Nora verlassen zu können, und dann kam Jonas, der Nora gefiel und Leonies Ex-Freund war. Oder so.

Eigentlich passiert nichts

Dass sie etwas Besonderes und vor allem besonders glücklich sind, das sagen die vier einander jeden Tag, und als es keiner mehr glaubt, beschließen sie, eine Party zu geben, damit die anderen es ihnen bestätigen. Es passiert eigentlich nichts, außer dass alle hoffen, dass etwas passiere, und zugleich fürchten sie sich davor, und am Schluss sieht es aus, als wäre etwas passiert, aber da ist die Erzählung fast vorbei. Kein Plot, keine Handlung, nur ein paar Rückblenden, wenn Nora sich an ihre Jugendfreundin Maja erinnert, den einzigen Menschen in ihrem Leben, der sich nicht nur danach sehnte, dass etwas passiere, sondern entschlossen genug war, etwas passieren zu lassen.

Mehr ist es nicht, der Rest ist Stimmung, Meinung, Reflexion und Sprache– was kein Mangel ist, auch wenn man manchmal als Leser denkt, es wäre nicht schlecht, wenn jetzt ein Schuss fiele oder sich ein Abgrund öffnete neben dem Sommerhaus. Plot ist bloß Aufschub, Ablenkung, scheint dieses Buch zu sagen, wer etwas zu tun, eine Herausforderung zu bewältigen hat: der schiebt doch nur die wirklich entscheidenden Fragen vor sich her. Nur ein Text, der von gar nichts handelt, kann zugleich von allem handeln.

Was das bedeute: jung zu sein; ob man das retten und verlängern oder doch diesem Zustand, diesem Lebensgefühl möglichst schnell entrinnen solle; und wie man seine Empfindungen davor bewahrt, von korrumpierten Begriffen korrumpiert zu werden: Das sind die Fragen, um welche es anscheinend geht. Womöglich sind Panikattacken die einzig mögliche Antwort – und wenn einer diesem Buch vorwirft, dass hier die Jugend sich selbst als einziges Thema hat, muss man antworten: Was für ein Thema soll sie denn sonst haben? Das bisschen Vergangenheit ist nicht unbedingt der Rede wert, die Erfahrungen laufen auf die Erkenntnis heraus, dass Jungsein auch nicht das reinste Vergnügen ist.

Die Antworten auf all die Fragen sind nicht in Aussagesätzen zu haben. Die Antwort, was das sei und bedeute und worum es gehe, wenn man jung ist, die findet sich in jenen Sätzen, die eine Stimmung nicht nur schildern, sondern evozieren, in jenen Sätzen, die nicht nur sich selber reflektieren, sondern davon zeugen, dass es gelungen ist, die Wörter den Gegnern zu entreißen, in den Momenten, da man nicht mehr so genau sagen kann, ob es ums Leiden der Heldin oder ums Glück des Lesens geht.

Es gibt diese Momente, das Buch läuft auf sie hinaus. Und der Therapeut, wenn er das alles liest, wird hoffentlich keinen seelischen Schaden nehmen aus der Erkenntnis, dass Jugend, sollte sie eine Krankheit sein, auf jeden Fall unheilbar ist.

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