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Jürgen Todenhöfer : Willkommen zurück

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Einst Falke und Reaktionär - Jürgen Todenhöfer Bild: F.A.Z. - Jan Röder

Wer nach Werten sucht, der findet sie hier: Jürgen Todenhöfers Buch ist voll mit wundersamen Merksätzen. Am besten ist es dort, wo er aus seinem eigenen Leben erzählt, etwa vom bizarren Wurstdosenkrieg mit Helmut Kohl.

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          Ein deutscher Schulhof zur großen Pause: Zwei Jungens, dreizehnjährig, bei ihren Lehrern berüchtigt, schlagen mit großer Brutalität aufeinander ein, umringt von Klassenkameraden, die sie grölend anfeuern. Der größere trifft seinen Gegner auf die Nase, so dass der Kampf abgebrochen werden muss. Während der eine auf der Schultoilette die Blutung stillt, lässt sich der andere als Sieger bejubeln. Doch auch er hatte etwas abbekommen, ein Boxhieb hatte das Auge getroffen. Über Nacht schwoll es zu, am folgenden Tag sorgte das dunkelviolette Hämatom für Gelächter in der Klasse, und der Sieg wurde dem so Entstellten wieder aberkannt, wogegen er, erfolglos, zu protestieren versuchte. Die Noten waren eine mittlere Katastrophe, Frechheit und Faulheit regierten. Nur durch Täuschungen, Tricks und Tarnung gelang der Abschluss.

          Dieses Blut floss nicht in Neukölln, sondern in Offenburg. Die lädierte Nase gehörte dem Knaben Hubert Burda, das blaue, eigentlich rote Auge seinem späteren Stellvertreter Jürgen Todenhöfer. Der hat nun diese und andere verstörende Szenen für ein Buch aufgeschrieben, das den Leser eigentlich inspirieren soll. Es war als ein Buch aus Aphorismen für die erwachsenen Kinder des Autors gedacht, als eine Sammlung von Antworten auf nicht gestellte Fragen; aber es vermehrt, vor allem in zahlreichen Anekdoten aus dem Leben Todenhöfers, ganz andere Fragen.

          Mit Gorbatschow versteht er sich glänzend

          Was wäre aus Jürgen Todenhöfer geworden, wenn sein Klassenkamerad ihn Ende der Achtziger nicht in seine Firma geholt hätte? Seine politische Karriere hatte er nicht eben dadurch befördert, dass er, der sich als rheinland-pfälzischer CDU-Abgeordneter ausgerechnet Helmut Kohl zum Feind erkor, bei jeder Gelegenheit nachfragte, was eigentlich mit der Wiedervereinigung sei, und ansonsten mit Brandt, Genscher und Helmut Schmidt so ziemlich alle Lieblinge der Deutschen angriff.

          Viel später sitzt Todenhöfer bei einer Burda-Veranstaltung an einem Gala-Tisch mit Kohl, Gorbatschow und Genscher. Kohl redet erst mit ihm, als er dem Altkanzler ein kühles Bier bringt. Mit Genscher, dessen pragmatische Entspannungspolitik er mit Reisen in das von den Sowjets besetzte Afghanistan provozierte, ist er, jedenfalls damals noch, über Kreuz. Nur mit Michail Gorbatschow versteht er sich glänzend, bis der sich den Namen seines Tischherrn vergegenwärtigt und fragt, ob es da in seiner Familie nicht einen anderen gibt, seinen Vater oder Onkel, der ein schlimmer Falke und Reaktionär gewesen sei? Dieser Falke, das war natürlich Jürgen Todenhöfer selbst. Er traf sich mit Augusto Pinochet und wurde von Heinrich Böll abgewiesen. Als eine Frau ihm den sicheren Listenplatz streitig machen will, ruft er, die könne doch nur Kaffee kochen. Mit Franz Josef Strauß war er befreundet, er bemüht sich, ihn als netten Kerl vorkommen zu lassen.

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