https://www.faz.net/-gqz-qhow

Jubilare : Der Reich: Marcel Reich-Ranicki wird fünfundachtzig

Jubilar: Marcel Reich-Ranicki Bild: dpa/dpaweb

Seine unablässige Beschäftigung mit der deutschen Literatur war ein Akt der Selbstbehauptung und des Widerstands. An diesem Donnerstag wird der Ausnahmekritiker und Medienstar Marcel Reich-Ranicki fünfundachtzig.

          5 Min.

          Vielleicht hat an dem Phänomen Marcel Reich-Ranicki die Deutschen kein anderer Aspekt so sehr beschäftigt, wenn nicht sogar verstört, wie diese beiden Fragen: Wie ist es möglich, daß der Mann, der als Marcel Reich heute vor fünfundachtzig Jahren im polnischen Wloclawek geboren wurde, nach allem, was Deutsche ihm und seinen Angehörigen angetan haben, sein ganzes Leben der Beschäftigung mit der deutschen Literatur widmen konnte?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Und wie ist zu erklären, daß dieser Mann, der in den fünfziger Jahren mit nichts weiter als einem Koffer und einer Schreibmaschine aus Angst vor den Kommunisten aus Polen nach Deutschland floh, nicht nur zum einflußreichsten Kritiker des Landes, sondern zu einem seiner bekanntesten Bürger werden konnte, dessen Popularität sich mühelos mit der eines Fernsehstars oder Fußballspielers messen kann?

          Die Liebe wichtiger als der Haß

          Auf die erste Frage gibt es eine einfache Antwort. Von allem, was ihm am Herzen lag, war die Liebe zur deutschen Literatur wohl das einzige, was er vor der Vernichtung durch die Nazis bewahren konnte. Alles andere mußte er verloren geben: die Eltern, den Bruder, viele Verwandte und Freunde. Sie zu retten stand nicht in seiner Macht. Über die Mörder konnte er nicht gebieten, wohl aber über die eigenen Leidenschaften. Und auf diesem Feld war ihm die Liebe stets wichtiger als der Haß.

          Jubilar: Marcel Reich-Ranicki Bilderstrecke

          So mag die unablässige Beschäftigung mit der deutschen Literatur, die nun ein halbes Jahrhundert währt, ein Akt bewahrender Liebe gewesen sein. Aber zugleich war sie ein Akt der Selbstbehauptung und des nie endenden Widerstands gegen jene, die ihm alles nehmen wollten, das Recht zu leben und zu lesen. Und vielleicht speist sich die ungeheure Energie, die einzigartige Entschiedenheit und Tatkraft, mit der sich Marcel Reich-Ranicki zeitlebens an sein literaturkritisches Geschäft begeben hat, vor allem aus dem Willen zum Widerstand, der zum Gesetz seines Lebens wurde.

          Die Dinge liegen nicht so einfach

          Das ist die einfache Antwort, und wem sie kompliziert erscheint, dem sei gesagt, daß die Dinge einfacher nun einmal nicht liegen bei diesem Mann, dem seine Widersacher oft vorgeworfen habe, er simplifiziere alles aufs unerträglichste. Dabei wurde oft übersehen, daß der Kritiker Reich-Ranicki ja nie eine klare, eindeutige Literatur verlangt hat. Er glaubt nur, daß die Worte des Kritikers über die Literatur klar und für jeden Leser nachvollziehbar sein sollten. Mit dieser schlichten Unterscheidung war mancher seiner Widersacher indes schon überfordert.

          Auf die zweite Frage allerdings gibt es keine einfache Antwort. Als Kritiker ist Marcel Reich-Ranicki eine Ausnahmeerscheinung. Man darf dies sagen, ohne den Ruhm eines Sieburg, Kaiser oder Baumgart zu schmälern. Aber was ist damit erklärt? Wer von der vitalen, zur Wirkung entschlossenen Ausnahme auf eine schlaffe, zur Selbstbespiegelung neigende Regel schließen wollte, würde dem deutschen Literaturbetrieb nicht gerecht.

          Kritiker- und Medienstar

          Wer den einzigartigen Aufstieg Reich-Ranickis zum Kritiker- und Medienstar erklären wollte, müßte neben der Person des Kritikers auch das literarische Leben der Bundesrepublik analysieren. Er müßte mit der „Gruppe 47“ beginnen und dürfte mit der reichen Kultur des literarischen Feuilletons in Deutschland, dem Niveau und Ansehen der Literaturkritik und der besonderen Rolle, die das Fernsehen in dieser Karriere gespielt hat, längst nicht aufhören. Der Fleiß der Biographen, Porträtisten und Exegeten, von denen Marcel Reich-Ranicki mittlerweile ein stattliches Trüppchen beschäftigt, ist nicht zuletzt von literatursoziologischen Fragen gefordert.

          Ihnen können sie sich zuwenden, wenn sie bewältigt haben, was schier nicht zu bewältigen ist: die ungeheure Menge an Rezensionen, Essays, Aufsätzen und Büchern, die der Unermüdliche publiziert hat. Oft verraten schon die Titel seiner Bücher, daß in ihnen ausgeschenkt wird, was nicht jedermanns Sache ist: reiner Wein. „Wer schreibt, provoziert“ (1965), „Die Ungeliebten. Sieben Emigranten“ (1968), „Über Ruhestörer. Juden in der deutschen Literatur“ (1973) oder „Die Anwälte der Literatur“ variieren die großen Themen seines Lebens: das Außenseitertum in seinen verschiedensten Ausprägungen, vom Künstler über den verfolgten Juden oder den als destruktiv und „zersetzend“ diffamierten Kritiker.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Reaktionen in Brüssel : Demonstrative Gelassenheit

          Das nächste Brexit-Chaos in London? In Brüssel gibt EU-Ratspräsident Donald Tusk einen gelassenen Ton vor. Bis zur Entscheidung über das Verlängerungsschreiben werden wohl noch einige Tage vergehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.