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Jubilare : Der Reich: Marcel Reich-Ranicki wird fünfundachtzig

Programmatische Selbsterklärungen

Daß viele dieser Bücher geradezu programmatische Selbsterklärungen enthalten, ist oft übersehen worden. Dabei konnte man schon in Marcel Reich-Ranickis erstem Buch erfahren, was bis heute eine der wichtigsten Maximen seines Handelns geblieben ist. Im Vorwort zu dem 1963 erschienenen Band „Deutsche Literatur in Ost und West“ heißt es: „Der Kritiker bekennt sich zu Friedrich Schlegels Sentenz: ,Es ist gleich tödlich für den Geist, ein System zu haben, und keins zu haben. Er wird sich also wohl entschließen müssen beides zu verbinden.'“

Die Fähigkeit, das Gegensätzliche miteinander zu verbinden, ist ihm geblieben, in seiner Arbeit wie in seiner Person. Wer neben ihm sitzt, wenn er im Auto auf dem Beifahrersitz mit strengster Miene den Fahrer dirigiert oder wenn er in der Oper in der Hand plötzlich einen aus dem Nichts gezogenen kleinen blauen Strohhalm schwingt, als wäre es Prosperos Zauberstab, was man nicht sagen darf, weil er Prospero und den ganzen „Sturm“ nicht sonderlich schätzt, und wer dann sieht, wie er anschließend im Gespräch diesen Strohhalm schweben läßt und damit zusticht, als wäre er Flaumfeder und Florett - der sieht das Verspielte, Spielerische dieses Mannes, der von allen Schriftstellern jenen am meisten schätzt, den seine Kinder den „Zauberer“ nannten.

Den Henkern um Haaresbreite entkommen

Wenn er auftritt, ist kein Saal groß genug, und die Auflage seiner Erinnerungen „Mein Leben“ hat mit 1,2 Millionen verkauften Exemplaren und zahlreichen Übersetzungen von Polen bis Korea noch die kühnsten Erwartungen übertroffen. Daß er, den Nazi-Henkern um Haaresbreite entronnen, mehrmals Gegenstand von mehr oder weniger ausformulierten Mordphantasien deutscher Schriftsteller wurde, steht in seltsamem Gegensatz zu dieser Zuneigung und Bewunderung, die ihm seine Leser entgegenbringen.

Was für ihn mehr Gewicht hat, steht außer jedem Zweifel. Vor allem das Interesse, das seine Autobiographie gefunden hat, dürfte dazu beitragen, daß Marcel Reich-Ranicki, der von sich sagt, er habe nur eine Heimat, nämlich die Literatur, sein „portatives Vaterland“, sich in Deutschland heute heimischer fühlen mag als vor zehn oder zwanzig Jahren.

Eine nationale Institution

Längst ist er eine nationale Institution. Erstarrt ist er darüber nicht. Ob er einen ehemaligen Bundespräsidenten daran erinnert, daß nur ein Teil der Deutschen den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung empfunden hat, und dieser darüber Fassung und Manieren verliert, oder ob er die zahllosen Glückwünsche entgegennimmt, stets weiß er mit Shakespeare, den er als Dramatiker noch über den geliebten Goethe stellt, daß die Welt eine Bühne ist.

Daß er sie, so oft es irgend geht, zu seiner Bühne macht, haben ihm weniger begabte Artisten oft geneidet. An seinem Geburtstag an diesem Donnerstag, an dem Marcel Reich-Ranicki in Begleitung der „einzigen“, in Begleitung seiner Teofila, sechshundert Gäste in der Frankfurter Paulskirche empfängt, sei auch ihnen, den Neidern und Nörglern, ein wenig Trost gespendet.

Denn nicht genug damit, daß Marcel Reich-Ranicki mit dem „Kanon der deutschen Literatur“ - von ihm ausgewählte Dramen, Erzählungen, Essays, Gedichte und Romane in mehr als fünfzig Bänden - eine herkulische Arbeit zu bewältigen hat, muß er nun auch noch damit leben, daß er nach dem Willen des Bundespräsidenten die ganze Kulturnation verkörpern soll. Den stets nach Neuigkeiten gierenden Jubilar, der von seinen Freunden und Kollegen nur „der Reich“ genannt wird, amüsiert dabei vor allem, daß er den Inhalt von Köhlers Schreiben aus den Nachrichten erfuhr.

Wie mag es sich anfühlen, wenn man eine Kulturnation zu verkörpern hat? Möge Marcel Reich-Ranicki diese wie alle anderen Bürden noch für lange Zeit leicht sein.

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