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Buchvorstellung Joschka Fischer : Von der Schweiz lernen

Joschka Fischer bei der Vorstellung seines neuen Buchs am Dienstag in Berlin Bild: dpa

Förderalismus in Schweizer Art: Bei der Vorstellung seines neuen Buches „Scheitert Europa?“ präsentiert Joschka Fischer seine Idee von den Vereinigten Staaten von Europa nach eidgenössischem Modell.

          Ganz am Ende, als nach einer langen Einführungsrede von Joschka Fischer im großen Saal der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin die Fragen der Journalisten zugelassen werden, richten sich die meisten an Fischer in der Rolle des Welterklärers. An einen, der vor dem Globus steht und dem man dabei zusehen kann, wie er Strategien und Lösungsvorschläge für globale Probleme aller Art nur so aus dem Ärmel schüttelt: „Herr Fischer, wie bekämpft man die Terrororganisation ,Islamischer Staat‘?“ – „Was sagen Sie zur Situation in der Türkei?“ – „Was halten Sie von Ihrer Parteikollegin, der grünen Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt, die eine UN-Militärmission gegen die IS unter Beteiligung der Bundeswehr gefordert hat?“ – „Wie beurteilen Sie die Politik des Grünen im Moment?“

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Fischer aber, der, unbescheiden wie er ist, überhaupt kein Problem damit hätte, zu all dem Stellung zu nehmen („Gottvater“ wurde er nicht zufällig während seiner Amtszeit im Auswärtigen Amt genannt), hält sich zurück. Über die Fraktionsvorsitzende der Grünen habe er gestaunt, sagt er, aber das war es dann auch schon: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie froh ich darüber bin, dass all diese Fragen in meinem neuen Buch keine Rolle spielen. Ich werde Sie deshalb hier auch nicht beantworten.“

          „Scheitert Europa?“ heißt das Buch, mit dem Fischer eine Frage stellt, die vor fünf Jahren noch völlig abwegig und realitätsfern gewesen wäre, war die EU bis dahin doch ein fortdauerndes Erfolgsprojekt, das zwar Schwierigkeiten und Rückschläge zu bewältigen hatte. Aber scheitern? Unmöglich. Das sieht jetzt anders aus, vor allem seit der Finanzkrise, seit dem 14. September 2008 also, als die Regierung Bush und die Verantwortlichen der amerikanischen Zentralbank in Washington die zahlungsunfähige Investmentbank Lehman Brothers pleitegehen ließen: „Es ging 2008 um nicht weniger als um ein zweites 1929, das Europa erneut mit in den Abgrund zu reißen drohte!“, so Joschka Fischer.

          Der Westen so schwach wie nie zuvor

          Er warnt aber noch vor etwas anderem und kommt langsam in Fahrt: „Das Volk will nicht mehr Europa, heißt es immer. Glaubt denn aber allen Ernstes jemand, dass die Rückkehr zum Nationalstaat des neunzehnten Jahrhunderts die Alternative sein kann in einer globalisierten Welt“, fragt er – und setzt mit Emphase ein schneidendes „meine Damen und Herren?“ dahinter. Im Grunde nehme Wladimir Putin, den er in seinem Buch für seine „Großmachtpolitik unseligen Andenkens“ scharf kritisiert, die Europäische Union ernster, als es die Europäer selbst tun. Indem er nämlich mit seiner Eurasischen Union ein Gegenmodell entwerfe, deren ideologische Legitimation sich im Kampf des „ewigen Russlands“ gegen die Dekadenz des Westens findet. Der Augenblick scheine aus Moskauer Sicht günstig zu sein. Aus russischer Perspektive sei der Westen so schwach wie nie zuvor seit dem Ende des Kalten Kriegs.

          Dann kommt er mit seiner neuen Idee, zu der ihn diverse Vortragsreisen in die Schweiz inspiriert haben: Wir brauchen, sagt er, die Vereinigten Staaten von Europa, aber eben nicht nach amerikanischem, sondern nach dem Schweizer Modell. „Ich bin ein europäischer Föderalist, kann mir einen europäischen Zentrismus aber nicht vorstellen. Europa ist nicht eine Nation, eine Sprache, es besteht aus vielen historischen Erzählungen. Die Schweiz ist ein föderaler Staat, mehrsprachig, der sich überhaupt nicht homogenisiert habe. Warum können wir davon nicht lernen?“

          Er sagt das mit einer gewissen Zufriedenheit, eine neue Vision in den Raum gezaubert zu haben und sie mit dem Buch in die Welt zu tragen. Wenn man ihn fragt, wie das denn aber gehen soll, wie die Bevölkerung für so ein Projekt gewonnen werden kann, denn Europa ist ja gerade nicht besonders populär, antwortet der Welterklärer: „Dafür sind die aktiven Politiker zuständig. Das bin ich nicht mehr. Das sollen die tun. Wenn sie es tun.“ Toll. Und wer macht das jetzt?

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