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Boris Johnsons Krise : Rohes Sitzfleisch

Theaterdirektor oder Premierminister? Boris Johnson greift für die „Operation Red Meat“ zurück auf ein englisches Drama: „The Surrender of Calais“. Bild: dpa

Woher hat Boris Johnsons „Operation Red Meat“ ihren Namen? Ein Blick in die englische Dramengeschichte bringt Licht in die Sache.

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          Shakespeare gehörte ein Anteil am Globe Theatre – zumindest zeitweise. George Colman war Besitzer des Haymarket Theatre – zumindest zeitweise. Boris Johnson ist als histrionischer Premierminister Direktor einer Theaterbühne namens Großbritannien – einstweilen jedenfalls. Lassen wir Shakespeare respektvoll beiseite und wenden uns Johnsons aktuellem Spielplan zu, auf dem gerade ein Stück von George Colman steht. Das ist kein Zufall, denn Alex­ander Boris de Pfeffel Johnson und der umtriebige George Colman der Jüngere (1762 bis 1836) haben eine Menge gemeinsam: die solide Universitätsausbildung, das schnelle Mundwerk sowie eine ordentliche Portion Ehrgeiz und die nötige Mischung aus Energie, Einfallsreichtum und Skrupellosigkeit, die nötig ist, um ihn zu befriedigen – für ein Weilchen jedenfalls.

          Während die parteiinternen Gegner des Premiers eifrig den Sturz Johnsons planen und eines ihrer Verschwörertreffen die fleischlastige Bezeichnung „The Pork Pie Putsch“ erhielt, haben Johnson und seine gas­trosophischen Berater im Gegenzug die „Operation Red Meat“ ersonnen, die dem angeschlagenen Premier dabei helfen soll, seinen Kopf noch einmal aus der Schlinge zu ziehen. Dass es sich um eine fragwürdige Aktion handeln dürfte, zeigt schon die Namensgebung, die einem für Johnson typischen Muster folgt: Sie vereint Bildung mit fröhlich feixendem Zynismus.

          Denn der Ausruf „Hier ist Fleisch, Nachbarn, Fleisch! Feines, rohes, rotes Fleisch – um die Flut der Tränen aus euren Augen zu vertreiben und euch die Münder wässrig zu machen“ stammt aus Colmans Theaterstück „The Surrender of Calais“ von 1791, das von einer berühmten Episode im Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich handelt.

          Im Jahr 1346 zog Edward III. mit seiner Armee vor die Tore der Hafenstadt und belagerte Calais ein knappes Jahr lang. Die Folge war eine grausame Hungersnot. In Colmans Stück gelingt es zwei Franzosen, die englischen Vorräte zu plündern, aber auf der Rückfahrt verdirbt ein großer Teil der Lebensmittel durch Salzwasser, so dass die Beute lediglich für eine einzige Mahlzeit reicht. Schon am nächsten Tag, so die Ankündigung der Rückkehrer, werde die Stadt wieder hungern müssen.

          Rodin hat die Bürger von Calais 1895 in Bronze gegossen, Georg Kaiser widmete ihnen wenig später ein erfolgreiches Theaterstück. Heute lagern Flüchtlinge vor der Stadt und warten auf eine Gelegenheit, um den Kanal zu überqueren, und Boris Johnson vergleicht die britische Bevölkerung nach dem Brexit mit den hilflos eingeschlossenen, reihenweise verhungernden Bürgern von Calais. Zum Trost und zur Ablenkung verspricht er ihnen ein wenig „feines, rohes, rotes Fleisch“. Ob eine solche Mahlzeit genug sein wird, ihn im Amt zu halten, darf bezweifelt werden. George Colman machte Schulden, verlor schließlich sein Theater und musste ins Gefängnis. Danach erhielt er von König Georg IV. ein einträgliches Ehrenamt. Er verkaufte es umgehend an den Meistbietenden.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

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