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Johannes Mario Simmel : In den Wind geschrieben

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Das ist das Simmel-Wunder, war es wohl immer und ist es bis heute geblieben. Dieses verzweifelte Gefühl, unabwendbar auf die Apokalypse zuzusteuern und dies mit verzweifelter Entschlossenheit sogar zu begrüßen und gleichzeitig stets das gute Leben zu loben und den Kampf gegen die Gespenster der Gegenwart, den Kampf gegen das Unglück und den Untergang nicht aufzugeben. Dieses heroische „Dennoch“. In den Büchern und in der Wirklichkeit.

Sie hörten die Stimme des toten Vaters

Legendär seine Briefe und Schecks an Diktatoren, um gefolterte und inhaftierte Kollegen freizubekommen, sein Kampf gegen die Umweltzerstörung und vor allem und immer wieder: gegen die Nazis. „Ich will nicht in einem Land leben, in dem die Scheiß-Nazis durchs Brandenburger Tor marschieren“, sagt er.

Und er erzählt von seiner Kindheit, von seinem jüdischen Vater, der am Tag der Besetzung Österreichs 1938 durch Hitler gerade noch das Land verlassen konnte, nach England ging, als Reporter bei der BBC arbeitete und den er nie mehr wiedergesehen hat. Er ist eines natürlichen Todes gestorben, vier Monate vor Kriegsende, ohne dass die Familie etwas davon wusste, und Simmel und seine Mutter hörten noch im Sommer 1945 seine Stimme im Radio, als ein Französisch sprechender russischer Kulturoffizier zu Simmels Mutter kam und sagte: „Ihr Mann ist tot, seit Monaten schon“, und sie antwortete: „Das kann nicht sein, ich habe ihn vor zwei Tagen gehört“, und er sagte nur: „Pauvre Madame“, und sie erfuhren, dass es eine alte Aufnahme war, die sie gehört hatten, auf Wachsplatte gepresst, die Stimme des toten Vaters.

Damit er nicht nur aufs Wasser schaut

In fast jedem Simmel-Buch kommen hassenswerte Nazis vor. Bis kurz vor seinem Zusammenbruch ist Simmel auch, zumeist mit Iris Berben, nach München und Berlin geflogen, um zu lesen und zu protestieren gegen das braune Unglück. Nazis und die Gefahr, dass all das wieder geschehen könnte in Deutschland oder anderswo in der Welt, das ist noch immer seine große Angst. Wenn er jetzt noch einmal zurückkehrt in die Welt, dann will er mit Iris zusammen den Kampf noch einmal aufnehmen, sagt er. Und lesen und predigen, zusammen mit seiner Freundin.

Von Iris spricht er wie von seinem ganzen Stolz. Es ist eine große Lebensfreundschaft. Sie ist es, die ihn immer wieder aufrichtet, wenn er am Boden liegt, einsam und verzweifelt, die immer wieder sagt, dass man nicht aufgeben darf, und wenn er wieder einmal sagt, dass er nur in den Sand geschrieben hat, ganz ohne eine Spur zu hinterlassen, „dann sagt sie ,Nein! das ist nicht wahr, man darf nie aufhören!', und sie hört nie auf, und wenn ich richtig laufen kann, dann fangen wir wieder an.“

Wir stehen auf, gehen in sein Arbeitszimmer, wo die verwaiste „Gabriele“ steht, tiefe Sessel, eine riesige Sammlung kleiner Elefanten. Der Schreibtisch steht mit dem Rücken zum See. „Ich habe sonst immer auf das Wasser geschaut, anstatt zu schreiben.“

Der Tod ist eine Frau, ein Engel, der ihn holt

Es hat angefangen zu regnen, ein Gewitter zieht auf, bei jedem Donner zuckt Simmel zusammen, und er sagt: „Unheimlich wird das erst in der Nacht, das gibt ein wahnsinniges Gekrache, und man weiß nicht, ob das Haus nicht wegweht. Wir stehen hier schließlich auf einem Berg.“

Und er zeigt mir die Bilder, die Chagalls, die Lithographie seines letzten Bildes hängt unauffällig in der Mitte. Es heißt „Dem anderen Licht entgegen“. Ein Selbstbildnis, das er im Alter von achtundneunzig Jahren gemalt hat. „Als er fertig war, ist er gestorben, er hat es nicht mal mehr signieren können“, sagt Simmel. Auf dem Bild sieht man den Maler vor seiner Leinwand. Er hat sein Bild beendet, und von oben kommt ein Engel, um ihn zu holen. „Lulu und ich, wir glauben, das ist Bella, seine Lebensliebe, die ihn holt, nach seinem letzten Bild.“

Der Tod ist eine Frau, die Liebe seines Lebens, ein Engel, der ihn holt.

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