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Johannes Mario Simmel : In den Wind geschrieben

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Marlene hat sich zurückgezogen dann, später, als Simmel zu Lulu zurückgekehrt war. Wie glücklich er war, dass sie ihn wieder aufgenommen hat, sagt er immer wieder. Sie war an Krebs erkrankt, damals, er hat sie gepflegt, den beiden blieben nur noch zweieinhalb Jahre, dann ist Lulu gestorben. Von niemandem erzählt Simmel so schön wie von ihr. Wie sie sich kennenlernten, nach dem Krieg, wie sie zusammen mit Billy Wilder, ihrem ersten Freund, durch Berlin gezogen sind. Ach und wie er von „Billy“ schwärmt und wie dieser ihn getröstet hat über seine ersten erfolglosen Filme: „Hör auf zu jammern, was ist schon ein Film“, hat er zu Simmel gesagt.

Und als er Simmel und Lulu in einen Club der Amerikaner in Berlin mitnehmen wollte und es am Eingang hieß: „Keine Krauts!“, da sagte Wilder nur: „,Wartet einen Moment' und ist in die Küche gegangen, da waren lauter Schwarze, und die haben uns einen Tisch bereitet mit Damast und dem besten Geschirr, und wir haben da unten so gut gegessen wie nie im Club.“

Wie schön ist in dieser Erinnerung das Simmel-Detail der „Damast“-Tischdecke. Die Geschichte wäre ohne diesen Damast ja auch schon schön und ein kleines bisschen glaubwürdiger vielleicht auch. Aber das ist eben Simmel. Wie auch manchmal in seinen Romanen: eine kleine Damast-Tischdecke hebt die Geschichte in eine andere Welt.

„Wir gehören weg“

Er ist in seinen Büchern immer eher in den Apokalypsen zu Hause gewesen, im politischen Kampf, in der radikalen Aufklärung. Atomtod, Gentechnik, Computerwahn, Umweltzerstörung und immer wieder die Nazis, das ist das Unheilspanorama der Bücher von Johannes Mario Simmel, die im letzten Jahrhundert Weltbestseller waren und jetzt in den meisten Buchhandlungen nicht mehr vorrätig sind. Obwohl die Ängste vielfach noch die gleichen sind. Und obwohl, wenn man heute etwa seinen ebenso visionären wie spannenden Roman „Mit den Clowns kamen die Tränen“ über die Gefahren der Gentechnologie oder andere Werke wieder liest, haben diese Bücher fast nichts von ihrem Glanz verloren. Und schon gar nicht Simmels Meisterwerk „Es muß nicht immer Kaviar sein“, die legendäre Geschichte des deutschen Überall-Agenten Thomas Lieven, der als Glücksmensch der ewig guten Tat durch die Infernowelt des Zweiten Weltkriegs reist.

Ob er nicht verzweifelt sei, manchmal, wenn er sehe, dass all die Vorhersagen seiner Bücher, all die Warnungen, die er millionenfach in die deutschen Haushalte und die Haushalte der ganzen Welt getragen hat, dass all diese Warnungen so fruchtlos waren? Da ist Simmel den Tränen nahe, wenn er sagt: „Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe in Wasser geschrieben und in den Wind gesprochen.“ Und versinkt für kurze Zeit in Traurigkeit. Er wird ganz klein in seinem Stuhl. Und zitiert den Philosophen Ulrich Horstmann, der einmal schrieb: „Wir Menschen sind so entsetzliche Irrläufer der Evolution, dass wir tief in uns das Gefühl haben, wir gehören weg.“ Und Simmel fährt fort: „Ziemlich arg, was ich jetzt sage, aber wenn Sie wollen, schreiben Sie mit“, und er spricht von den Jahrtausenden der Kriege, vom „Hauen, Stechen und Morden“, was alles zur Menschheitsgeschichte dazugehört, schon immer und er sagt: „Wir gehören weg.“ Und dass die Menschen nun mit den ABC-Waffen die Möglichkeit haben, sich selbst restlos und ohne Ausnahme von dieser Erde zu entfernen, sei im Grunde ein Glück: „Es würde die Erde erlösen.“

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