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Johannes Mario Simmel : In den Wind geschrieben

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Wir sitzen am Esstisch in seinem Wohnzimmer, Simmel spricht konzentriert und leise. Er redet traurig über dieses Buch: „Wenn ich sage, nach so vielen Jahren könnte ich mir doch mal so was leisten, dann passiert mir etwas so Grauenhaftes. Es war schrecklich, die Zeit, in der ich nicht arbeiten konnte, und langsam sage ich mir, es eilt, ich bin ziemlich alt. Und ich würde es so gerne noch schreiben.“

Eine große Liebesgeschichte soll es werden - „ein paar habe ich ja selbst erlebt“. Der Höhepunkt wird, „wie bei allen großen Liebesgeschichten“, der Tod sein. Nur in seinem Fall, sagt Simmel, in seinem Fall wird der Tod nicht durch einen Mann verkörpert, es ist eine Frau, die ihn holt. Der Sterbende begreift es erst spät, „aber so muss es enden, so wird es enden, wenn ich es fertigmachen kann, irgendwann“.

Und er spricht von seiner Frau, von Lulu, die vor mehr als zwanzig Jahren starb. „Sie ist gestorben, aber sie ist nicht tot, weil kein Mensch tot ist, an den noch jemand denkt. Also lebt Lulu in mir“, sagt er.

„Ich bin Mao Tse-tung“

Über dem Kamin hängt ihr Porträt in Öl, eine junge, hübsche, moderne und entschlossene Frau mit dunklem Kurzhaarschnitt. „Sie folgt Ihnen mit den Augen, wenn Sie durchs Zimmer gehen“, sagt Simmel. Lulu war seine große Liebe. Einmal hat er sie verlassen, um mit seiner Jugendfreundin, die ihn einst verschmäht hatte und die ihn dann, als reichen Mann, doch gerne nahm, zusammen zu sein. „Ich war in Monte Carlo damals und habe mich verirrt. Ich habe die wunderbare Lulu verlassen, weil ich gedacht habe, ich muss was nachholen. Und das ging natürlich glänzend schief und hat mich auch sehr viel Geld gekostet. Aber am Anfang war das so eine Sache - wir sind ein Jahr fast nicht aus dem Bett herausgekommen. Aber als ich nach einem Jahr mal das Bedürfnis hatte aufzustehen, musste ich sehen: Sie liest nicht, sie geht in keine Konzerte, sie hat nicht mal meine Bücher gelesen.“ Und er verließ sie.

Was dann passierte, klingt fast wie in einem echten Simmel-Roman: „Damals, in Monte Carlo, rief abends jemand an und sagte: ,Hier ist Marlene Dietrich.' Und ich sagte, nicht sehr geistreich: ,Und hier ist Mao Tse-tung' und hängte auf. Dann rief sie wieder an und sagte: ,Hier ist wirklich Marlene, und ich habe ein Buch von Ihnen gelesen, auf Französisch, und dann habe ich einen Freund gefragt, der hat mir gesagt, der Simmel hat noch andere Bücher geschrieben', sagte sie und dass sie sich gerne mit mir unterhalten würde.“ So begann eine jahrelange Freundschaft.

Immer gegen Mitternacht rief sie an, und bis zu drei Stunden haben sie dann miteinander gesprochen. Simmel schwärmt: „Und ich muss sagen, ich habe nie von irgendjemandem etwas Schöneres über Film, über Kunst gehört und über Politik, sie war grandios in ihren Ansichten.“ Und Briefe haben sie sich auch geschrieben, sie hat ihm auch selbstgeschriebene Gedichte geschickt, „schweinische Gedichte, aber ungeheuer geistreich“ seien sie gewesen. Später, nach ihrem Tod, habe er immer wieder gedacht: „Himmel, wenn hier einer einbricht, dann sind sie weg“, und jetzt ruhen die Gedichte von Marlene Dietrich an Johannes Mario Simmel in einem Tresor in Simmels Archiv an der Universität von Boston.

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