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Das Buch zum jüngsten Tag : Ist nicht die Welt selbst das Weltgericht?

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Was Hollywood von der Apokalypse übrig lässt: Szenenbild aus Roland Emmerichs „The Day After Tomorrow“ von 2004. Bild: ddp Images

Eschatologie ohne Ende und mit vielen Ermäßigungen: Der Mediävist Johannes Fried schreibt eine Geschichte des Weltuntergangs, die bis in die Gegenwart führt.

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          Die Vorstellung des Weltuntergangs, des Gerichts über die Lebenden und die Toten, der Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, sie ist etwas Christliches, mit starken Wurzeln in der hebräischen Bibel. Die antiken Mythen kennen so etwas nicht. In der „Völuspá“ liest man von vergleichbaren Dingen, aber sicherlich hat der Dichter, der ihr die Form gab, die in der Älteren Edda überliefert ist, allerhand Christliches dazugetan; immerhin wird mit einem germanischen Kern zu rechnen sein. Dem Islam dagegen ist eschatologisches Denken fremd, und auch den Hochkulturen des Mittleren und des Fernen Ostens. Das Ende alles Irdischen vor Augen zu haben, ja, es ist etwas sehr Europäisches. Das wird es sein, was Johannes Fried, den wohl berühmtesten der deutschen Mittelalter-Historiker, bewogen hat, eine „Geschichte des Weltuntergangs“ zu schreiben.

          „Dies irae“ lautet der Haupttitel, Tag des Zorns. Man hört die Schläge, mit denen Mozart und Verdi den Totenhymnus des Thomas von Celano vertont haben, die Angst Gretchens, als sie im Dom, zwischen den Einflüsterungen des Bösen Geistes, die Verse singen hört. Es liegt etwas Dringliches, etwas Grausiges in den Worten; und der Leser spürt ziemlich rasch, dass dem Autor an dieser Dringlichkeit liegt, dass ihm mehr vorschwebt, als bloß ein wichtiges Kapitel der Ideengeschichte neu darzustellen.

          Nach sechs- oder siebentausend Jahren ist Schluss

          Die ersten Christen und auch Paulus lebten in der Naherwartung des Herrn: Sie glaubten, dass er noch zu ihren Lebzeiten zurückkehren werde, um sein Reich zu errichten. Die Enttäuschung dieser Erwartung und die Zerstörung des Tempels durch die Römer 70 nach Christus haben das eschatologische Denken erst richtig in Gang gesetzt. Und schon begann die Spekulation, wann denn die Welt untergehen werde, auch wenn nach dem Jesus-Wort galt, allein der Vater kenne den Tag.

          Nach einer verbreiteten Spekulation sollte das Ende der Welt sechs- oder siebentausend Jahre nach ihrer Erschaffung kommen, denn die Schöpfung hatte ja sechs Tage in Anspruch genommen oder auch sieben; vor Gott aber sind tausend Jahre wie ein Tag. Wann aber war die Welt erschaffen worden? Ein großes Rechnen setzte ein, die Komputistik als Kalenderwissenschaft nahm ihren Aufschwung und auch die Astronomie, denn das Ende der Zeiten sollte sich durch Himmelserscheinungen ankündigen. Vor fünfzehn Jahren schon hat Fried das apokalyptische Denken als Anstoß für die „Entstehung der modernen Naturwissenschaft im Mittelalter“ beschrieben, in seinem Buch „Aufstieg aus dem Untergang“. Darauf kommt er jetzt zurück.

          Johannes Fried: „Dies Irae“. Eine Geschichte des Weltuntergangs.
          Johannes Fried: „Dies Irae“. Eine Geschichte des Weltuntergangs. : Bild: C.H. Beck

          Doch vollzieht sich der Weg zum Weltuntergang und zum Jüngsten Gericht mit mathematischer Gewissheit? Paulus spricht von einer aufhaltenden Kraft (griechisch: „katechon“). Und Fried glaubt, dass die Kaiserkrönung Karls des Großen in diesem Zusammenhang zu sehen ist. Verbreitet war der Glaube, dass die Geschichte nur vier große Reiche kenne, deren letztes das römische sei. Wenn nun dieses Reich durch Karl weiterlebe, so wirke das dem Ende der Zeiten entgegen. Auch das hat Fried schon früher, in seiner Biographie Karls, vorgetragen; Fachgenossen haben mit guten Argumenten widersprochen.

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