https://www.faz.net/-gqz-8uc60

Thriller-Debüt : Los Angeles als Schießstand

  • -Aktualisiert am

Joe Ide: „I.Q.“. Thriller. Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 387 S., br., 14,95 €. Bild: Suhrkamp Verlag

Joe Ides Debüt „I.Q.“ zeigt, dass er seinen Sherlock kennt. Die Genauigkeit der Geschichte erzeugt eine nicht nachlassende Dramatik. Nur das Ende lässt leider Thriller-Wünsche offen.

          Los geht es wie im Drehbuch. Boyd, ein sexuell desorientierter Vorzeigepsychopath, kidnappt eine Schülerin, was jedoch von dem genialen Hobbydetektiv Isaiah Quintabe bemerkt wird. Zwischen den Männern kommt es zum Showdown, dessen Finale kurz gesagt so aussieht: Granatwerfer, Prügel, Happy End. Joe Ide, der Autor des Spektakels, muss nun, da der Täter gefasst ist, Nägel mit Köpfen machen und spendiert seinem Thriller „I.Q.“ nach immerhin fast fünfzig Seiten einen Neustart. Von Boyd und dem Mädchen hören wir nie wieder.

          Der filmreife Beginn leitet zum eigentlichen Plot über, welcher aus zwei Geschichten besteht. Die erste handelt davon, wie das Leben des jugendlichen Isaiah in einem unseligen Moment aus der Spur gerät. Als er dann noch dem Kriminellen Juanell Dodson begegnet, setzt eine Kettenreaktion ein, in deren Verlauf sich Los Angeles in einen Schießstand verwandelt. Die zweite Geschichte ereignet sich sieben Jahre später und verhält sich antithetisch zur ersten. Geläutert und charakterfest, ermitteln die ehemaligen Delinquenten für den Gangster-Rapper Calvin Wright alias Black the Knife, auf den Anschläge verübt wurden.

          Lupenreiner Slang

          Isaiah erledigt den Job mit Konzentration und Scharfsinn, ein geistreicher Sherlock Holmes aus Long Beach, der Schlüsse zieht, auf die sonst niemand kommen würde. Dodson hingegen verschleudert seine Worte und brilliert vor allem als lustiger Stichwortgeber.

          Zur kreuzweise aufgebauten Struktur des Romans gehört auch, dass die Brutalos des ersten Erzählstrangs tatsächlich uneingeschränkt brutal sind, während Wright zwar vom Image des Chauvis zehrt, de facto aber unter einem Burnout leidet, Ratgeberliteratur liest und sich von Quinoa mit gedämpftem Grünkohl ernährt. Seine künstlerische Sprache hat er längst verloren, was Ide wettmacht, indem er konkurrierende Register wild abmischt: Neben dem Erzähler erzeugen die in lupenreinem Slang hingerotzten Dialoge der Gangster Authentizität. Quer dazu stehen eingestreute Texte von Rap-Songs, die das Geschehen mit einer unterleibslastigen Künstlichkeit würzen.

          Ide hat seinen Roman mit viel Stoff beladen, der abgearbeitet werden will. Wie leichthändig ihm das gelingt, verwundert angesichts des Umstands, dass es sich bei „I.Q.“ um ein Debüt handelt. Hier wird kaum ein Ereignis läppisch weggehaspelt, kaum ein Schauplatz lieblos umrissen. So ist etwa die Szene, in der Wright von einem überzüchteten Monster-Pitbull gejagt und fast zerfetzt wird (ein Ignorant, wer nicht an den „Hund von Baskerville“ denkt), in punkto Aufbau und Steigerung makellos. Nur das Ende nimmt sich so vorhersehbar aus, dass ein Genie wie Isaiah Quintabe zur Lösung gar nicht nötig gewesen wäre - das hätte Watson, Pardon: Dodson auch im Alleingang regeln können.

          Weitere Themen

          „The Wild Boys“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Wild Boys“

          „The Wild Boys“, 2017. Regie: Bertrand Mandico. Mit: Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel. Start: 23.05.2019.

          Die Highlights vom roten Teppich Video-Seite öffnen

          Filmfestival in Cannes : Die Highlights vom roten Teppich

          Glamouröse Kleider, schicke Anzüge, Schuhprobleme, strömender Regen und ein Heiratsantrag... Auf dem roten Teppich des Filmfestivals in Cannes war in diesem Jahr einiges los. Hier sind die schönsten Momente an der Croisette.

          Aufnahme läuft

          Ibiza-Affäre : Aufnahme läuft

          Zur Herkunft des Ibiza-Videos bringt das ZDF wieder das „Zentrum für politische Schönheit“ ins Spiel. Die Aktivistengruppe dementiert. Als Drahtzieher der für die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus aufgestellten Video-Falle hat sich der Anwalt Ramin M. eindeutig bekannt.

          Topmeldungen

          Wahlsieger in Großbritannien: Nigel Farage

          Europawahl : Brexit-Partei in Großbritannien stärkste Kraft

          Mit satten 31,5 Prozent liegt die europafeindliche Brexit-Partei von Nigel Farage in Großbritannien ersten Prognosen zufolge vorn. Die konservativen Tories müssen mit einer herben Schlappe rechnen.
          Angst vor Populisten und der Wunsch nach einer anderen Klimapolitik haben die Menschen in Europa an die Wahlurnen getrieben.

          Die EU hat gewählt : Europas Ängste

          Zu wenig Klimaschutz, zu viel Nationalismus: Wegen dieser Sorgen haben sich viel mehr Bürger an der Europawahl beteiligt. Nicht in allen Ländern wurden die Rechtspopulisten jedoch ausgebremst.

          Europawahl : Volksparteien verlieren Mehrheit im Parlament

          Im Europaparlament werden Christ- und Sozialdemokraten sich erstmals einen Partner suchen müssen. Die Rechte geht aus der Wahl gestärkt hervor, aber die eigentliche Überraschung liegt woanders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.