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Joachim Fest : Fest und seine Bücher

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Der Knabe Joachim Fest Bild: privat

Auch wenn das Lebensthema von Joachim Fest der Nationalsozialismus war, so widmete er seine Aufmerksamkeit ab und an der Literatur. Und seine Mann-Analysen sind bis heute ein schwerer Brocken für die Literaturwelt geblieben.

          3 Min.

          Große historische Ereignisse bot das Jahr 1926 in Deutschland nicht: keine Revolution, keinen Krieg, keinen Beginn einer neuen Epoche. Eben ein „Jahr am Rand der Zeit“, wie Hans Ulrich Gumbrecht es nannte. Und doch ein Jahr mit Höhepunkten: Kafkas „Schloß“ erschien, Schnitzlers „Traumnovelle“, ebenso Hitchcocks erster Film. Und im Dezember kam, sonderbare Koinzidenz, der zweite Teil von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ auf den Markt, während wenige Tage zuvor, am 8. Dezember, Joachim Fest in Berlin geboren wurde.

          Mit dieser Gemeinsamkeit hatte die lebenslange Beschäftigung Fests mit dem Diktator aber wenig zu tun. Den persönlichen Zugang zur Geschichte, zumal als Betroffener, wies er immer zurück, obwohl er dazu Grund gehabt hätte, wie man nun aus seiner Jugendgeschichte weiß, die in dieser Zeitung derzeit vorabgedruckt wird. Ira et studio, Zorn und Rache, war seine Sache nicht, eher eine distanzierte Teilnahme, die schon sein erstes vielbeachtetes Buch, „Das Gesicht des Dritten Reiches“, auszeichnete. Die Kühle des Blicks wie die Höhe des Stils ließen zahlreiche Kritiker, darunter Hannah Arendt, aufhorchen. Von dem sollte man noch hören und lesen.

          Tiefgündige Literatur-Analysen

          Zehn Jahre später erschien Fests Hauptwerk, die monumentale Hitler-Biographie. Auch in den folgenden Jahren beschäftigte sich Fest mit Hitler und seiner Führungsriege, gab Himmlers Geheimreden heraus sowie einen kommentierten Bildband, „Hitler - Gesichter eines Diktators“ (beide 1975). Während der Essayband „Aufgehobene Vergangenheit“ 1981 noch überwiegend historische Stücke der jüngeren Vergangenheit versammelte, trat Fest vier Jahre später als ebenso literarisch Interessierter an die Öffentlichkeit.

          Joachim Fest: Schriftsteller, Historiker und Hitler-Biograph

          Er sprach in seinen Essays über Thomas und Heinrich Mann, „Die unwissenden Magier“, wie er sie, Golo Mann zitierend, umschrieb, beiden Schriftstellern, dem bewunderten Autor von „Buddenbrooks“ und dem weniger geschätzten des „Untertans“, jeglichen politischen Sachverstand ab. Wie genau Fest mit seiner tiefgründigen Analyse traf, läßt sich daran erkennen, daß bis heute, über zwanzig Jahre nach Erscheinen dieses Essaybandes, die literaturwissenschaftliche Fachwelt sich an Fests Thesen abarbeitet - wobei die Heinrich-Mann-Experten in üblicher Frontstellung meist meinen, in bezug auf Thomas habe Fest ja recht, Heinrich hingegen sei vollkommen verkannt - und umgekehrt.

          Die Grundübel des Jahrhunderts

          Überraschender noch als die Beschäftigung mit den großen Symbolfiguren der Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland war das nun folgende Buch Fests, „Im Gegenlicht“ (1988), in dem er Eindrücke, Wahrnehmungen und Beschreibungen des südlichen Italien zusammenfaßte: seine „Italienische Reise“, sein Rückzugswinkel, auch von deutscher Geschichte, ins Schöne - immerhin hatte in den zwei Jahren zuvor der Historikerstreit in Deutschland getobt, mit Fest an führender Stelle. Ein für Fest charakteristischer „Tristan-Ton hinter allem“, wie Wolf Jobst Siedler es nannte, bestimmte auch die Essays, die Fest nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums wieder der unmittelbaren Zeitgeschichte widmete.

          In „Der zerstörte Traum“ (1991) waren es die an ihr Ende gekommenen Utopien, die er als Grundübel des Jahrhunderts, ausgehend von deutschen Denkern, ausmachte. „Die schwierige Freiheit“ schließlich widmete sich den Utopien der westlichen Demokratien, als wollte er allen übermütigen Siegern im Kampf der Systeme nun zu einer maßvollen Haltung raten. Der „große, gleichsam angeborene Mangel liberaler Gesellschaften“ bestehe darin, schrieb Fest, „daß sie keinen greifbaren, die Leiden und Ängste der Menschen rechtfertigenden Lebenssinn vermitteln“.

          Schonungslosigkeit und Selbstironie

          Zum fünfzigsten Jahrestag des Attentats auf Hitler legte Fest mit „Staatsstreich“ eine ehrende Würdigung des Widerstandes und ihres „langen Wegs zum 20. Juli“ vor, nicht ohne kritischen Blick auf die Männer um Stauffenberg, die sich spät und nicht in jedem Fall aus hehren Motiven zum Attentat entschlossen hatten. Mit „Speer. Eine Biographie“ erschien 1999 die Summe der langjährigen Beschäftigung Fests mit „des Teufels Architekt“, den er bei der Entstehung seiner Memoiren unterstützt hatte. Mit dem „Untergang“, der auch als Film ein großer Erfolg wurde, richtete Fest 2002 seinen Blick auf die letzten vierzehn Kriegstage im Führerbunker in Berlin, auf Hitlers Untergangsverlangen.

          Daß man um der Wahrheit willen auch Freunde nicht schonen dürfe, bewies Fest im Porträtband „Begegnungen“ (2004), in dem er auch von überraschenden Freund- und Bekanntschaften berichtete, etwa mit Ulrike Meinhof. Schonungslosigkeit und Selbstironie machten auch vor der eigenen Person nicht halt, wie die in Kürze erscheinenden Jugendbilder „Ich nicht“ belegen, die Fest als sein letztes Buch noch gedruckt in Händen hielt.

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