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Jo Lendles Digitalvision : Wischen is possible

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Der künftige Hanser-Verleger Jo Lendle verliert in seiner Begeisterung für digitale Schwärme den Glauben ans klassische Verlegergeschäft. Was bedeutet das für den Traditionsverlag?

          Es gab eine Zeit, da lag auf Nachttischen amerikanischer Hausfrauen der Ratgeber „Wie werde ich mein bester Freund?“ Die Notwendigkeit solcher Bücher erschließt sich augenblicklich in einer Gesellschaft, die dazu neigt, sich permanent in Gegensätzen zu verheddern. Auch den zukünftigen Hanser-Verlagschef Jo Lendle scheinen zwei widerstreitende Seelen in seiner Brust zu plagen.

          Dem Nachfolger des legendären Verlegers Michael Krüger mangelt es zwar keineswegs an Visionen („Everyone is a publisher now, baby“), wie er jetzt in einem Vortrag in Hildesheim demonstrierte. Deutlich wurde dort aber auch, wie sich sein Autoren-Ich und sein Verleger-Ich ziemlich in die Quere kamen, ohne dass sich Lendle für das eine oder andere entscheiden mochte. Dass er die Sinnhaftigkeit klassischer Verlage anzweifelt, die er ins „Untergeschoss“ verlegerischer Zukunft verweist, sei ihm als Autor von vielsagenden Romanen wie „Mein letzter Versuch die Welt zu retten“ noch gegönnt.

          Für den Chef eines bedeutenden Verlages klingt es allerdings merkwürdig contra domum gesprochen, wenn der Fünfundvierzigjährige ein literarisches Phantasiegebäude entwirft, in dessen „Obergeschoss“ er ausgerechnet die internetbasierten Selbstverlage ansiedelt. In diesem „digitalen Schlaraffenland“ sei nicht nur endlich das Distributionswerkzeug in die Hände der Produzenten gelangt, sondern sogar das leidige Problem mit der Aufmerksamkeit gelöst: „Seit das Umblättern vom Wischen abgelöst wird, und seit das Publikum ausreichend mit Lesegeräten versorgt ist, sitzt der Autor seinem Leser förmlich auf dem Schoß, so direkt ist der Kontakt.“

          Flirt mit den Schwärmen

          Ob man das als Leser mag, hängt selbstverständlich vom Autor ab, der hier das gute alte Buch von seinem angestammten Platz verdrängt. Doch Lendles Flirt mit der Schwarmintelligenz nimmt im Verlauf Züge eines amour fou an. „Verlage sind schon heute definitiv nicht mehr nötig“, meint der Liebestolle, der seiner Branche ihr hinderliches „Türhütermonopol“ aberkennt und sie zu „Edel-Dienstleistern“ erklärt. Verlage als Bollwerke gegen das digitale Geschwätz? Autorenpflege? Lektoratsarbeit gegen Dampfplauderei? Geburtshilfe für langsam reifende Gedanken? Alles schön, wenn man es sich leisten mag, so kann man sich Lendles Worte deuten, aber nötig ist derlei nicht.

          Andere Geschöpfe aus dem Geist des Digitalen sehen das erstaunlicherweise anders. Schließlich drängen regelmäßig Special-Interest-Titel aus dem Internet in die Druckmaschinen und genießen die Anerkennung, die damit einhergeht. Ob das Buch eines klassischen Verlags nicht doch noch immer Eigenschaften besitzt, auf die niemand verzichten will als Autorität, als ein Medium der Vertiefung - und nicht zuletzt als ein revolutionärer Akt? Was aber bedeutet das nun für Hanser? Und wie wird die digitale Neuausrichtung des Hauses aussehen, wenn in München auf den Kulturpessimisten Krüger recht bald der Mitmachoptimist Lendle folgt? „Der heutige Verlag“, glaube, so sagt Lendle, anders als der künftige, „an Auswahl“. Manchmal muss eben eine Entscheidung her. Und erst der Entscheider ist sich selbst der beste Freund.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

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