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Jo Lendle wird Hanser-Chef : Ein hochangesehener Verleger der jüngeren Generation

Mit ihm sieht sein künftiger Verlag die Weichen für die Zukunft richtungsweisend gestellt: Jo Lendle Bild: Wonge Bergmann

Die wichtigste offene Frage im literarisch anspruchsvollen deutschen Verlagswesen ist beantwortet: Auf Michael Krüger folgt als Chef des Hanser-Verlags in München zum Jahresanfang 2014 der bisherige DuMont-Geschäftsführer Jo Lendle.

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          Die spektakulärste Meldung des deutschen Verlagswesens kommt an diesem Donnerstag nicht aus Berlin oder Hamburg, es geht nicht um Suhrkamp und nicht um Ulla Unseld-Berkéwicz. Der Carl Hanser Verlag in München hat den Namen des Mannes bekanntgeben, der vom 1. Januar 2014 an die Geschicke des Hauses lenken soll. Es ist Jo Lendle, 44 Jahre alt und bisher Verlagschef von DuMont in Köln.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Damit tritt Lendle in die Fußtapfen des noch amtierenden Hanser-Verlegers Michael Krüger, einer lebenden Legende der Branche. Der vor wenigen Tagen neunundsechzig Jahre alt gewordene Krüger wird Ende 2013 – wie man hört, nicht ganz seinem Willen gemäß – beim Carl Hanser Verlag ausscheiden, in den er 1968 als Lektor einstieg und dem er seit 1986 als literarischer Leiter und seit 1995 Jahren als verlegerischer Geschäftsführer der gesamten Gruppe vorsteht, die neben Hanser auch die Verlage Hanser Berlin, Zsolnay/Deuticke sowie Nagel & Kimche umfasst. In dieser Zeit machte Krüger das Haus zur neben Suhrkamp und S. Fischer renommiertesten literarischen Adresse der Bundesrepublik.

          Charlotte Roche war eine Ausnahme

          Zu den Autoren von Hanser gehören allein vierzehn Literaturnobelpreisträger, darunter mit Tomas Tranströmer, Herta Müller, Jean Marie Le Clézio und Orhan Pamuk vier aus den letzten sieben Jahren, sowie zahlreiche weitere Erfolgsschriftsteller in Belletristik und Sachbuch. Doch das laufende Geschäftsjahr hat auch dem erfolgsverwöhnten Hanser Verlag dem Vernehmen nach einen gravierenden Umsatzverlust beschert, wobei es schon länger klar war, dass Michael Krügers Vertrag von der Eigentümerfamilie nicht mehr über seinen siebzigsten Geburtstag hinaus verlängert werden würde; seit einiger Zeit schon rätselte man über die Person des Nachfolgers.

          Mit Jo Lendle hat Hanser nun einen hochangesehenen Verleger der jüngeren Generation für diese Aufgabe gewonnen. Der Verlag spricht von einem „Verleger mit einem weit gespannten Netzwerk, den ein sicheres Gespür für literarische Autoren und außergewöhnliche Stoffe auszeichnet“. Die Entwicklung, die der DuMont-Literaturverlag, für den Lendle seit 1997 als Lektor und seit 2006 als Programmleiter arbeitete, belegt das. Autoren wie Haruki Murakami oder Hilary Mantle sorgen für gute Verkaufszahlen; mit deutschen Schriftstellern ist DuMont dagegen – abgesehen natürlich von Charlotte Roche – noch nicht außergewöhnlich erfolgreich. Erst Anfang dieses Jahres übernahm Lendle die verlegerische Geschäftsführung des gesamten DuMont Buchverlags mit seinen Sparten Literatur, Sachbuch und Kunst.

          Die zweite Institution auf dem Prüfstand

          Kunst spielt bei Hanser keine Rolle, aber das Sachbuchprogram kann gegenüber dem literarischen Zweig des Hauses frischen Wind durchaus vertragen. Inwieweit Lendles bekannte Affinität für das E-Book, dem Michael Krüger skeptisch begegnete, einen massiven Kurswechsel im Verlag bedeutet, bleibt abzuwarten. Der Satz der Presseerklärung „Neben seinen ausgewiesenen literarischen Qualitäten verkörpert Jo Lendle auch den modernen Verleger, der den Veränderungen des Medienmarktes mit verlegerischem Weitblick und kaufmännischer Umsicht begegnet“, wobei besonders auf Digitalisierung und Urheberrecht verwiesen wird, kann als Spitze gegen seinen Vorgänger verstanden werden, der hier offenbar in den Augen der Verlagseigentümer etwas versäumt hat.

          Außer der Bemerkung, dass Michael Krüger auch nach seinem Ausscheiden als Geschäftsführer dem Haus als Herausgeber zur Verfügung stehen wird, findet sich nichts zu seinem jahrzehntelangen Wirken in der Pressemitteilung von Hanser. Das Übergangsjahr 2013 wird spannend zu begleiten sein, denn im Aufbau eines geeigneten Nachfolgers hat Krüger tatsächlich nicht geglänzt. Und ob Lendle die Position, die Krüger zuletzt als das verlegerische Gewissen der Branche innehatte, ausfüllen kann oder zumindest möchte, dürfte kaum weniger interessant sein als die Frage, was für Modifikationen der Wechsel an der Spitze für das Programm bedeutet. Sowenig die Ursachen miteinander zu vergleichen sind – jetzt steht nach Suhrkamp die zweite literarische Großinstitution in unserem Land auf dem Prüfstand.

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