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Jelineks Theaterstücke : Bambis Tollwut

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Jelinek auf der Bühne: „Ein Sportstück” (Hamburg 1998) Bild: dpa

Elfriede Jelineks Theatertexte handeln nicht, sondern reden, singen, kalauern stimmen- und gegenstimmenmäßig von nichts anderem als von: Opfern. Das größte und erste Opfer: die Frau.

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          Ihre Stücke, die keine Dramen sein wollen, und ihre Dramen, die bewußt Stückwerk bleiben, sind dem Wunsch und Willen des Komitees sehr entgegen entgegengekommen, das mit dem Literaturnobelpreis laut Begründung "den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen" auszeichnen wollte.

          Zugleich jedoch widerlegt das schwedische Komitee aufs schönste den Generalverdacht, um den Elfriede Jelineks Stimmen und Gegenstimmen in der Tiefe und vor allem an der Oberfläche der Texte endlos kreisen: den ewig repetierten Aufschrei, daß "der Frau kein Werk zugetraut" wird. Aber doch immerhin jetzt ein Literaturnobelpreis! Um so schöner, aber für die Geehrte wahrscheinlich wohl auch ein bißchen komisch-bitter, daß im Nobelpreiskomitee lauter Männer sitzen. Insofern ist Frau Jelinek auf eine höchst subtile und ja auch erfreuliche Weise: schon wieder ein Männeropfer.

          Das Opfer: die Frau

          Ihre Theatertexte handeln beziehungsweise handeln nicht, sondern reden, singen, kalauern stimmen- und gegenstimmenmäßig von nichts anderem als von: Opfern. Das größte und erste Opfer: die Frau. Daß es jemanden gibt, der herrscht, und jemanden, der beherrscht wird - dieser simpelsten aller dramatischen Figurationen, die nur noch geglaubt, nicht mehr durchblickt werden muß und die in vorfeministischen Zeiten tapfere kapitalismuskritisch-politische Masken trug, in feministischen Äonen aber die biologische Differenz sich einzig zum Abgott erkor, auf dessen Glatze sie fleißig Locken drehte, hat Elfriede Jelinek seit ihren Theateranfängen mit Verve und Wut und Zyne gehuldigt. Aber mit einer absolut unsimplen, steilen, künstlichen Sprache.

          In "Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte, oder: Stützen der Gesellschaft" (1979) bekommt Ibsens Nora keine Chance mehr zur Emanzipation und zur Freiheit, sondern wird als Leder-Domina mißbraucht und bleibt, gepeinigt von der Industriemännerwelt, beim Gatten auf der Couch sitzen. In "Clara S." (1982) geißelt die Jelinek den Kollegen Gabriele d'Annunzio als Sexmonster und legt ihn anachronistisch der armen Clara Schumann zwischen die Schenkel, die ein Opfer ihres wahnsinnigen Komponisten-Mannes Robert ist, der mit seiner Kreativität die ihre erstickt und sie aussaugt. In "Krankheit oder Moderne Frauen" (1987) wird die Krankenschwester Emily gleich zum Vampir, der's allen Männern und Chefs blutsaugend heimzahlt. Vampirismus als Karrierechance, immerhin.

          Das schwafelnde Männchen

          Das Deprimierte, Ausgebeutete, zugleich aber aufs Gemüt, Heim und Heimchen und die "Geschlechtsdienstleistung" Reduzierte der Frauen läßt Elfriede Jelinek in "Totenauberg" (1991) sozusagen ins gebirgig Philosophische wachsen: Martin Heidegger fungiert darin als Prototyp des Männchens, das schwafelnd und herrschend den Sinn und das Wesen der Heimat und des Daseins ausbeutet. Alles, das Gebirge, die Heimat und natürlich das "Gerichtete" als Frau, die im Hannah-Arendt-Dirndl auftritt, ist bedroht von Heideggers Axt: "Es wird gehütet, aber wer hütet sich vor uns?" Niemand hütet sich, weshalb auch alle völlig uneigentlich reden: in riesigen Textflächen, die statt der nicht mehr stattfindenden Dialoge wie Plakate aneinander vorbeigetragen werden. Wobei dann die Wortklaubereien und -verdrehtheiten den Klebstoff bilden, der die Plakate kalauernd zusammenhält: "Bitte bewahren Sie Ruhe. Was bleibt mir übrig, da die Ruhe ja nicht mich bewahrt."

          Die Wut der dramatischen Frau, die aus ihrer dramatischen Haßboutique eine Technik und aus ihrem Herzen eine Mördergrube macht, hat mit den Jahren sehr schön wuchern dürfen. Im "Sportstück", einem absurden, aber stellenweise sogar witzigen Haßgesang auf die Ertüchtigung der Männerkörper, die nie ohne die Unterjochung des Frauenkörpers zu haben ist, schafft sich die Autorin, die als "Elfie Elektra" auftritt, gar ("Maul halten!") ironisch selber ab, wächst aber gleichzeitig ins Gigantische. Die ganze geschändete, weil von den Einheimischen gegen "die Fremden" behütete Heimat wird zum Opfer, also sozusagen zur Überfrau: "In den Alpen", wo die Land- und Leute- und Seelenmißbraucher aus Stauseen und brennenden Seilbahnen "Das Werk" machen (lauter Titel ihrer jüngeren Stücktexte).

          Rehkitz im „Bambiland“

          Zuletzt hat diese Überfrau sich als Rehkitz ins "Bambiland" verzogen, wo sie als allererstes Opfer des Irak-Kriegs und schärfste und höhnischste Bush-Kritikerin mit aller Kitz-Tollwut in Männer- und Politikertextflächen sich verbiß. Und die Toten der Berg-Unglücke wie auch der Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager spielen, will sagen: reden als Gespenster mit. Wenn sie nicht wie in der "Raststätte" in Bären- und Elchfelle sich verkleiden und auf der Autobahntoilette ihren fremdmännersuchenden Frauen, die "auch mal was erleben wollen", sich unsittlich nähern - und nicht nur sprachlich in ein "Geschlechtswerk" sich versteigen. Es ist dies alles, dramatisch besehen, ein Riesenschmarrn - aber einer mit Sprachbitterschlagsahne drauf. Und auf fest zementiertem Bewußtseinstortenboden.

          Elfriede Jelinek ist eine Dramatikerin, die, wenn sie die Welt anschaut, nie dazulernen möchte. Sondern in immer neuen Bildern und Bereichen und Medien nach der Bestätigung dessen sucht, was sie immer schon wußte und fühlte. So bekamen ihre Wut und ihr Haß mit den Jahren die Qualität einer Extra-Cuvée, beeindruckend gereift. Zu den Beobachtungen, Meinungen und Vermutungen, die sie in ihren Stücken äußert, kann man eigentlich immer nur mit dem Kopf nicken - oder diesen schütteln. (Nichts Drittes.) So lange freilich, bis der Kopf irgendwie auf die Brust sinkt und man in seligen Bestätigungs- oder Ablehnungsschlaf fällt. Sie ist von vornherein langweilig. Deshalb sind ihre Stücke, die ja kaum mehr sind als Ansammlungen von Textunmengen, der Idealfall fürs Regietheater.

          Erst die Spielvögte lenken, leiten und kanalisieren den Wortfluß, stauen ihn oder planschen in ihm herum. Erst sie dichten das Jelinek-Theater fertig. Ohne Regie-Willkür kann hier kein Werk gedeihen. Also paßt die Jelinek von allen Dramatikern am besten ins Theater ihrer Zeit. Insofern müßten alle Herren und die beschämend wenigen Damen, die sie inszeniert haben, mitprämiert werden: ein Nobelpreis fürs deutsche Stadttheater. Das fehlte noch.

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