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Jelineks Theaterstücke : Bambis Tollwut

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Die Wut der dramatischen Frau, die aus ihrer dramatischen Haßboutique eine Technik und aus ihrem Herzen eine Mördergrube macht, hat mit den Jahren sehr schön wuchern dürfen. Im "Sportstück", einem absurden, aber stellenweise sogar witzigen Haßgesang auf die Ertüchtigung der Männerkörper, die nie ohne die Unterjochung des Frauenkörpers zu haben ist, schafft sich die Autorin, die als "Elfie Elektra" auftritt, gar ("Maul halten!") ironisch selber ab, wächst aber gleichzeitig ins Gigantische. Die ganze geschändete, weil von den Einheimischen gegen "die Fremden" behütete Heimat wird zum Opfer, also sozusagen zur Überfrau: "In den Alpen", wo die Land- und Leute- und Seelenmißbraucher aus Stauseen und brennenden Seilbahnen "Das Werk" machen (lauter Titel ihrer jüngeren Stücktexte).

Rehkitz im „Bambiland“

Zuletzt hat diese Überfrau sich als Rehkitz ins "Bambiland" verzogen, wo sie als allererstes Opfer des Irak-Kriegs und schärfste und höhnischste Bush-Kritikerin mit aller Kitz-Tollwut in Männer- und Politikertextflächen sich verbiß. Und die Toten der Berg-Unglücke wie auch der Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager spielen, will sagen: reden als Gespenster mit. Wenn sie nicht wie in der "Raststätte" in Bären- und Elchfelle sich verkleiden und auf der Autobahntoilette ihren fremdmännersuchenden Frauen, die "auch mal was erleben wollen", sich unsittlich nähern - und nicht nur sprachlich in ein "Geschlechtswerk" sich versteigen. Es ist dies alles, dramatisch besehen, ein Riesenschmarrn - aber einer mit Sprachbitterschlagsahne drauf. Und auf fest zementiertem Bewußtseinstortenboden.

Elfriede Jelinek ist eine Dramatikerin, die, wenn sie die Welt anschaut, nie dazulernen möchte. Sondern in immer neuen Bildern und Bereichen und Medien nach der Bestätigung dessen sucht, was sie immer schon wußte und fühlte. So bekamen ihre Wut und ihr Haß mit den Jahren die Qualität einer Extra-Cuvée, beeindruckend gereift. Zu den Beobachtungen, Meinungen und Vermutungen, die sie in ihren Stücken äußert, kann man eigentlich immer nur mit dem Kopf nicken - oder diesen schütteln. (Nichts Drittes.) So lange freilich, bis der Kopf irgendwie auf die Brust sinkt und man in seligen Bestätigungs- oder Ablehnungsschlaf fällt. Sie ist von vornherein langweilig. Deshalb sind ihre Stücke, die ja kaum mehr sind als Ansammlungen von Textunmengen, der Idealfall fürs Regietheater.

Erst die Spielvögte lenken, leiten und kanalisieren den Wortfluß, stauen ihn oder planschen in ihm herum. Erst sie dichten das Jelinek-Theater fertig. Ohne Regie-Willkür kann hier kein Werk gedeihen. Also paßt die Jelinek von allen Dramatikern am besten ins Theater ihrer Zeit. Insofern müßten alle Herren und die beschämend wenigen Damen, die sie inszeniert haben, mitprämiert werden: ein Nobelpreis fürs deutsche Stadttheater. Das fehlte noch.

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