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Jan Wagner : Manntje, Manntje: „Der Fischer und seine Frau“

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Märchenhaft: Fischerboot, ohne Frau Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Alle Dramatik steckt in den grandiosen Meergemälden, die Drohung bleiben - denn im Gegensatz zu so vielen anderen Märchen kommt dieses ohne Gewalt aus: „Der Fischer und seine Frau“.

          Ilsebill will, und zwar immer mehr - im Gegensatz zum Fischer, ihrem Mann, dem jeder Tag recht ist, solange sich angeln und ins Wasser schauen läßt, an dem „er saß und saß“. Damit fängt es an - und mit einem kapitalen Butt, der nicht nur spricht, als er am Haken hängt, sondern auch ein verzauberter Prinz zu sein vorgibt.

          Daß sich Hilfsbereitschaft im Märchen auszahlt, weiß Ilsebill, die ihren von Mal zu Mal betreteneren Mann zum Strand schickt, um dem Butt immer größere, immer unmöglichere Wünsche zu übermitteln: „Manntje, Manntje, Timpe Te,/Buttje, Buttje in der See,/myne Fru, de Ilsebill,/will nich so, as ik wol will“.

          Immer erschreckendere Formen

          Vom Steinhaus, das an die Stelle der ärmlichen Hütte, des „Pißputts“, getreten war, ist es nicht weit bis zum Schloß, von dort bis zum König- und Papsttum. Der Fischer irrt immer verlorener in den glänzenden Kulissen umher und hat Mühe, in der Gestalt auf dem Thron seine Frau wiederzuerkennen. Das Meer hingegen, das anfangs noch klar war, das, nachdem der Fischer den Butt großmütig freigelassen hatte, nur von einem dünnen Blutstreifen besudelt wurde, nimmt immer erschreckendere Formen an: Den letzten Wunsch schließlich muß der arme Fischer in ein aufgepeitschtes, pechschwarzes Urelement brüllen, aus dem heraus der Butt mit nie endendem Gleichmut antwortet.

          Der gestörten Natur, in der menschliche Anmaßung ihr Spiegelbild findet, ließ sich Jahre und Bücher später auch anderswo begegnen, in Coleridges Ballade vom albatrosmordenden Seemann etwa, auch im „Macbeth“, wo nach dem Königsmord die Pferde einander fressen und die Sonne sich mittags verfinstert. Vielleicht darf man in der ehrgeizigen Ilsebill gar eine entfernte, plattdeutsche Cousine der Lady Macbeth sehen. Allerdings bleibt das Märchen vom Fischer und seiner Frau eine Burleske; es wird nie zu der Tragödie, die in ihr angelegt ist.

          Was aber zunächst schlicht als maritime Variante des „Schuster, bleib bei deinem Leisten“-Motivs erscheint, wächst sich nach und nach zu einem metaphysischen Spektakel aus. Alle Dramatik steckt dabei in den grandiosen Meergemälden, die Drohung bleiben - denn im Gegensatz zu so vielen anderen Märchen kommt dieses ohne Gewalt aus. Keine Strafe steht am Schluß, nur die Lächerlichkeit und die Ernüchterung derer, die beim Spiel deutlich zu hoch gereizt haben: „,Na, was will sie denn?', fragte der Butt. ,Ach', sagte er, ,sie will wie der liebe Gott werden.' ,Geh nur hin, sie sitzt schon wieder in dem alten Pott.' Da sitzen sie noch bis heute und auf diesen Tag.“ Dem Fischer dürfte das mehr als genug sein.

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