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James Salters neuer Roman : Verführt und zerstört

„Nur die Dinge, die durch Schreiben bewahrt werden, haben eine Chance, wirklich zu sein“: der amerikanische Romancier James Salter, geboren 1925. Bild: Matt Nager/Redux/Redux/laif

Schreiben ist schwerer als Krieg: James Salter, Meister des kinematographischen Erzählens, legt nach mehr als dreißig Jahren Pause einen Roman vor. Bei einer Begegnung zuhause in Bridgehampton spricht er über „Alles, was ist“.

          Große Gärten. Riesig wirken die satten Grünflächen, wenn man aus der Stadt kommt. So weit zurückgesetzt sind die Häuser, dass kein Spaziergänger darauf spekulieren kann, einen Blick durch ein Fenster zu werfen. Trotzdem haben die meisten Eigentümer sicherheitshalber grüne Mauern auf der Grundstücksgrenze hochgezogen. Nirgendwo auf der Welt, stand kürzlich in der Zeitschrift „Architectural Digest“, gebe es so imposante Hecken wie in den Hamptons am östlichen Ende von Long Island.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          “Die Gründer dieses Ortes haben hier Landwirtschaft betrieben“, erläutert James Salter dem Besucher bei der Rundfahrt durch Bridgehampton. Er hält am Friedhof an und weist auf das älteste Haus hin, das hinter Bäumen verborgen ist. Es stammt aus dem siebzehnten Jahrhundert. „Später sind die Leute hierhergezogen, um hier zu wohnen.“ Salter hat das Haus in Bridgehampton, in dem er mit Kay Eldredge, seiner zweiten Frau, lebt, 1986 gebaut, auf einem kleinen Grundstück in der Nähe des Bahnhofs. Ungefähr dasselbe Baujahr wird Salters grauer Mercedes haben.

          Momente der Intensität, der Lust und Gefahr

          James Salter, als James Horowitz am 10. Juni 1925 geboren, ist in New York City aufgewachsen. Eine oder zwei Klassen unter Jack Kerouac besuchte er die Horace Mann School, die berühmte humanistische Privatschule in der Bronx. Seine Großeltern waren jüdische Einwanderer aus Europa. Die Mutter war in Washington großgeworden, der Vater hatte die Militärakademie in West Point absolviert und arbeitete als Immobilienmakler ohne Fortüne.

          In Bridgehampton scheint der Prozess der Zivilisation ein Endstadium erreicht zu haben. Nach der Beseitigung aller Spuren von Arbeit genießen die Hausbesitzer ihren Wohlstand wie einen zweiten Naturzustand. Bausünden springen nicht ins Auge; in der Feier eines Stils der Zeitlosigkeit wird der Ehrgeiz der einzelnen Bauherren unsichtbar. James Salters Romane bringen die Erfahrung zum Ausdruck, dass nichts von Dauer ist, dass alles zerrieben wird. Das einzig Wertvolle in Salters Welt sind Momente der Intensität, der Lust und Gefahr. Die Literatur hat den Zweck, die Erinnerung an diese Exaltationen zu beschwören. In diesem Frühjahr hat der achtundachtzigjährige Salter seinen sechsten Roman veröffentlicht, den ersten nach 34 Jahren. „Alles, was ist“, die deutsche Übersetzung von „All That Is“, erscheint in dieser Woche im Berlin Verlag.

          Vom Weltkriegsveteran zum Verleger

          Der Held des Romans ist Philip Bowman, ein Weltkriegsveteran, der gerade noch die allerletzte Seeschlacht im Pazifik miterlebt hat und sich als Verlagslektor am Rand des weltliterarischen Lebens von New York bewegt. Er gründet keine Familie, wird lange nicht sesshaft, mietet ein nicht ganz fertig gebautes Haus in einer Sackgasse kurz hinter Bridgehampton. Seine Freundin, Christine, die aus der Ehe mit einem Griechen eine Tochter hat, findet ganz in der Nähe schließlich doch noch das perfekte Haus, das er immer gesucht hat. Sie vermittelt den Verkauf und verdient sich eine Provision, er lässt seinen Namen und ihren Namen ins Grundbuch eintragen. Während einer Dienstreise erreicht ihn die Nachricht, dass er verklagt worden ist. Christine will das Haus für sich allein haben und setzt ihren frech erfundenen Anspruch vor Gericht durch. Für den Treuebruch rächt sich der Vertriebene mit einem Akt der kaltblütigen Grausamkeit, auf den nichts in Bowmans Geschichte den Leser vorbereitet hat außer seinem Namen: Er ist der Mann mit dem Bogen. In seinen Memoiren „Burning the Days“ (“Verbrannte Tage“) hat Salter geschrieben: „Ein Name ist ein Schicksal.“

          Bowman lernte Christine kennen, als sie sich ein Taxi vom Kennedy-Flughafen nach Manhattan teilten. Während sie nebeneinandersaßen, schwiegen sie zunächst lange. Die Bekanntschaft seiner englischen Geliebten Enid machte Bowman auf einer der legendären Partys des Londoner Verlegers Sir Bernard Wiberg, in dem Salter Lord Weidenfeld porträtiert. Zunächst hatten sie einander nichts zu sagen. Seine Frau, die aus der jagenden Aristokratie südlich von Washington stammt, fiel ihm in einer New Yorker Bar auf. Sie verabredeten ein Wiedersehen, und beinahe hätten sie einander verpasst.

          Ein Raunen der schmerzhaften Erkenntnis ging bei Salters erster New Yorker Lesung aus „All That Is“ durch den großen Saal des Kulturzentrums 92Y auf der Upper East Side, als die Schilderung der unglücklicherweise glückenden Brautwerbung den Höhepunkt erreichte, die Definition der Liebe als des „Schmelzofens, in den alles geworfen wird“. Es ist ja wohl dichterische Absicht, dass der pure Zufall die fatalen Verbindungen einfädelt? Rhetorische Gegenfrage des Autors: „Tragen sich die Dinge im Leben denn nicht so zu?“ Auch Salters erste Frau kam aus der guten Gesellschaft des Hauptstadtumlands. In den Memoiren hatte er nichts über sie zu sagen.

          Die auffälligste formale Eigenschaft des neuen Romans ist eine Art Zoomverfahren in der Personenregie. Nebenfiguren wie Bowmans Chef Robert Baum, Roger Straus nachgebildet, dem Gründer des Verlags Farrar, Straus and Giroux, werden eingeführt und sogleich unerhört nah herangeholt, durch Schilderung einer Begebenheit, die sie fürs Leben gezeichnet hat. Auf diese episodischen Perspektivwechsel angesprochen, hebt Salter die Konsequenzen für den Rhythmus der Erzählung hervor. „Man erfährt etwas über verschiedene Leute, man bekommt etwas zu sehen, und sie gehen an einem vorbei, um wiederzukehren oder auch nicht. Währenddessen aber geht hinter ihrem Rücken, ohne dass man es merken würde, ein ganzes Zeitalter vorüber.“ Das Buch ist ein Gegenentwurf zum historischen Roman. Die Chronologie bleibt vage, und nicht einmal Kennedys Ermordung ist groß der Rede wert. „Das war natürlich eine Entscheidung.“

          Alle Varianten des Engagements, die von den New Yorker Intellektuellen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg durchgespielt wurden, sind hier gleichermaßen ohne Bedeutung. Die illustrative Verknüpfung von Romanhandlung und Zeitgeschichte hält Salter für ein „uninteressantes Kunstmittel“. Eine innere Zeit tritt an die Stelle der historischen: „Das Buch fließt dahin, folgt einem unregelmäßigen Muster. Die Schreibart selbst hat eine verführerische Kraft. Sie reißt den Leser mit, anders als im normalen, erwarteten, vertrauten Roman.“ Bowman ist ein Verführer, und auch der Verfasser sieht sich als Verführer - und als Verführten.

          Auch der Krieg wird zum Traum

          Als Drehbuchautor für Filme mit Charlotte Rampling, Robert Redford und Omar Sharif verdiente Salter das Geld, das er in seine Häuser in Bridgehampton und Aspen, Colorado, steckte. Nüchtern stellt er einerseits fest, er habe nur deshalb für Hollywood geschrieben, weil er mit den Romanen seine Familie nicht hätte ernähren können. Aber andererseits spricht er vom Film wie von einer großen Liebe, die nach dem Erlöschen unverständlich geworden ist. „Ich ließ mich anziehen, in Versuchung führen, begehrte, für den Film zu arbeiten, wegen der Erregungen und der Energie des Kinos.“ Wie Charles Swann bei Proust zu dem Schluss kommt, er habe Jahre seines Lebens an eine Frau verschleudert, die gar nicht sein Genre sei, befindet Salter im Rückblick, er sei „wahrscheinlich ein etwas zu subtiler Autor für Zwecke des Films“.

          Das kinematographische Erzählen ist für diesen Romancier die leichteste Übung. „Einen Tag zu beschreiben oder das Wetter oder Gebäude oder eine Epoche ist nicht furchtbar schwierig. Fast alles daran ist visuell. Das Problem ist die Wahrheit, die Tragfähigkeit der Konstruktion, der Sätze und Absätze.“ Als Schüler schrieb Salter Gedichte. Nur Gedichte. „Ich schrieb gerne, aber ich wusste nicht, wie es gemacht wird. Es kostet Zeit, bis man erkennt, dass das, was man geschrieben hat, nicht gut ist.“ Die Konstruktion von „Alles, was ist“ wird gleich am Anfang offengelegt, im Motto: „Es kommt eine Zeit, da einem bewusst wird, dass alles ein Traum ist und dass nur die Dinge, die durch Schreiben bewahrt werden, eine Chance zu haben, wirklich zu sein.“

          Für den Leser, so der Autor, kommt diese Zeit erst am Ende des Buches, wenn er das Motto richtig versteht. Wichtig in seinem Leben sei der Krieg gewesen, gibt Bowman einmal zu Protokoll. Doch der Krieg bezeichnet hier nicht die ultimative Realität, an der gemessen, das übrige Leben sich als Traum darstellen würde. „Der Krieg ist wichtig“, sagt Salter, der wie der Vater in West Point ausgebildet wurde, im Weltkrieg keinen Kampfeinsatz mehr erlebte, aber als Kampfflieger am Korea-Krieg teilnahm, „aber innerlich wichtig. Auch der Krieg wird zum Traum. Er war kein Traum, als man noch nicht wusste, was passieren würde. Aber dann wurde er dazu.“

          „Gründlich über jemanden zu schreiben bedeutet, ihn zu zerstören“

          Salter, zuletzt Kommandeur einer Kunstflugstaffel in Bitburg, quittierte 1957 den Dienst bei der Luftwaffe, von dem seine ersten beiden Romane handeln. „Ich werde oft gefragt: Welchen Einfluss hat es auf Ihr Schreiben, dass Sie Pilot gewesen sind? Lange habe ich einen solchen Einfluss bestritten, aber wenn ich darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass es wahrscheinlich einen Effekt gibt. Es macht einen Unterschied, ob man der Pilot eines Linienflugzeugs ist, von Menschen umgeben, auch wenn es Passagiere sind, oder ein Kampfflieger.“ Er war allein. „Etwas zu erreichen, wo es um alles oder nichts geht und nicht das Glück den Ausschlag gibt, beeinflusst nicht den Charakter, aber die Einstellung zum Leben und die Meinung, die man von sich hat.“ Salters Perfektionismus ist ein ritterliches Stilideal. Er strebt im Schreiben nach Authentizität, will sein „gesellschaftliches oder falsches Selbst“ ablegen. Auch im Gespräch möchte er um jeden Preis das richtige Wort finden. Er spricht langsam, mit Nachhall. Mitten im Sommer liegt Rauhreif auf seiner Stimme.

          „In meinem Fall hat der Beruf des Kampfpiloten das Gefühl erzeugt, privilegiert zu sein. Außerdem einen Sinn für Proportionen. Und einen furchtlosen Blick auf Entfernungen und Möglichkeiten.“ In den Memoiren hat er mit gelegentlichen Anflügen schwarzen Humors geschildert, wie viele seiner Kameraden und Vorgesetzten bei Unfällen umgekommen sind. Hat die Verinnerlichung dieses Berufsrisikos Folgen für den Umgang des Romanciers mit seinem erfundenen Personal? „Mich hat diese Erfahrung hart werden lassen. Nicht meine Gefühle haben sich verhärtet, wohl aber meine Haltung.“ In den Memoiren bekennt Salter: „Gründlich über jemanden zu schreiben bedeutet, ihn zu zerstören, zu verbrauchen.“

          Ein lakonischer Erzählton

          Ist das Schreiben dann sogar eine Fortsetzung des Luftkriegs mit anderen Mitteln? Eine Aufzählung aller denkbaren Berührungspunkte vom Fokussieren bis zum Zeittotschlagen unterbricht Salter mit einem apodiktischen Satz in tieftraurigem Ton: „Schreiben ist schwerer.“ Er setzt zunächst zu einer Begründung an und sagt dann bloß noch einmal: „Schreiben ist schwerer.“

          Im Vergleich mit dem erotischen Phantasiestück „A Sport and a Pastime“ (“Ein Sport und ein Zeitvertreib“) und dem pathetischen Scheidungsepos „Light Years“ (“Lichtjahre“) ist der Erzählton des jüngsten Romans lakonischer. Hätte Bowman auch Schriftsteller sein können? „Natürlich. Aber Geschichten über Schriftsteller haben nichts Verlockendes für mich.“ Machte Salter Bowman zum Lektor, weil er einen passiven Helden brauchte? Tatsächlich sind Bowmans berufliche Aktivitäten kein Gegenstand des Romans. „Das wäre ein anderes Buch: die dramatische, aufwühlende Geschichte, wie Ayn Rand es schaffte, ihr Buch zu vollenden, welcher Verlag es am Ende annahm, wie es das Publikum eroberte.“

          Fasziniert von Max Beckmann

          Ein Stoff jedoch bricht ein in den abgeschlossenen Garten der träumerischen Kultivierung privater Erinnerungen. Robert Baum wird durch seine Weigerung charakterisiert, ein Buch mit der bei Holocaustleugnern beliebten These zu verlegen, Reinhard Heydrich sei Jude gewesen. Nur in dieser indirekten Form eines Exempels, fast nebenbei, könne die Judenverfolgung in einem seiner Romane vorkommen, meint Salter: als Buch im Buch. Er ist überrascht zu erfahren, dass in Deutschland Bücher aus der Perspektive der Opfer Hitlers ein großes Publikum finden. Wie sei das denn mit W. G. Sebalds Befund der Tabuisierung des Bombenkriegs zusammenzubringen? „Ich selbst könnte über diese Sachen nicht schreiben. Der Radius meines emotionalen Verstands ist dafür zu schmal. Mir fehlt ganz einfach der Mut, mich wirklich dem Thema zu stellen.“ Dieser letzte Satz widerlegt sich selbst: Das Geständnis bezeugt den Mut des Autors.

          Vor einigen Jahren war Salter eingeladen worden, einen Essay über einen Maler seiner Wahl zu schreiben. Er entschied sich für Max Beckmann. Der Verleger, ein Franzose, war nicht einverstanden. Er gab vor, Beckmann nicht zu kennen. Was fasziniert Salter an Beckmann? „Ich mag die Persönlichkeit des Malers, ich mag seine Kühnheit.“ Salter greift nach einem deutschen Wort: Walpurgisnacht. Dass bürgerliche Mäzene Geschmack an diesem Hexensabbat fanden, dass die wilden Szenen im Salon hingen, gibt ihm zu denken. Ihm gefällt, dass sie sich der Entschlüsselung verweigern: „die unauflösliche, unentzifferbare Allegorie“.

          Was will der realistische Roman?

          In Salters bürgerlichen Romanen siegen die Passionen über die Interessen. Das Private schlägt das Öffentliche aus dem Feld. Kann man diese Abkehr von der Politik politisch deuten? Baum lehnt den Heydrich-Bestseller ab, weil er das trivialliterarische Muster durchschaut: Zu gut gingen die Dinge auf, wenn Antisemitismus sich auf Selbsthass zurückführen ließe. Die skandalöse Unmoral von Salters Chroniken der Exzesse verweist auf den Verdacht, dass moralische Geschichten zu einfach sind.

          Als Salter den Besucher zum Zug bringt, gibt er ihm ein Zitat von Maupassant mit auf den Rückweg in die Stadt. Er hat es in den Memoiren des Historikers John Lukacs gefunden: Das Ziel des Verfassers realistischer Romane „ist nicht, eine Geschichte zu erzählen, uns zu amüsieren oder an unsere Gefühle zu appellieren, sondern uns zu nötigen, die dunklere und tiefere Bedeutung der Ereignisse zu bedenken und zu verstehen“.

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