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J. R. R. Tolkien : Was soll ich nur tun, mein Schwert?

Das Finnische inspirierte den jungen Tolkien nicht nur zur Entwicklung der Elbensprache, sondern auch zu einem seiner ersten Werke. Die Nachdichtung aus dem Kalevala-Epos erscheint nun auf Englisch.

          Dass ein Student einen Rausch hat, ist keine Seltenheit, auch an britischen Traditionsunis wie dem Exeter College in Oxford. Doch was dem jungen Studenten widerfuhr, der sich dort vor gut hundert Jahren eigentlich auf sein Examen in Altphilologie vorbereiten sollte, dürfte ziemlich einzigartig sein. Zufällig sei er damals an eine finnische Grammatik geraten, schrieb er rückblickend: „Das war, als hätte ich einen Keller voller Flaschen eines erstaunlichen Weins gefunden, von einer Sorte und einem Aroma, wie man sie noch nie gekostet hat. Ich war ganz berauscht davon.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das hatte Folgen, bis heute. Denn John Ronald Reuel Tolkien (1892 bis 1973) überwand durch die Anregungen, die er durch die Begegnung mit dem Finnischen erhielt, nicht nur eine veritable Schreibkrise und entwickelte später die Kunstsprache Quenya, die etwa in seiner Romantrilogie „Der Herr der Ringe“ von den Elben gesprochen wird, auch nach dem Vorbild des Finnischen.

          Streit um die Goldmühle

          Vor allem aber regte ihn die Lektüre des finnischen Epos „Kalevala“ zu eigenen Dichtungen an. So ist die tragische Geschichte „Die Kinder Hurins“, an der Tolkien viele Jahre lang und in immer neuen Fassungen arbeitete, unmittelbar vom Kalevala beeinflusst. „Die Kinder Hurins“ liegen seit einiger Zeit in einer Nachlassedition vor, herausgegeben von Tolkiens Sohn Christopher. Weithin unbekannt aber war bislang ein zweites Zeugnis von Tolkiens Beschäftigung mit dem Kalevala, das nun in wenigen Tagen auf Englisch im Verlag Harper-Collins erscheinen soll: die Nachdichtung einer in sich abgeschlossenen Episode, die von Kampf und Untergang des jungen Kullervo erzählt.

          Das ist nicht irgendeine Geschichte, und sie stammt auch nicht aus irgendeiner Quelle: Das Kalevala, das der junge Arzt Elias Lönnrot aus von ihm in karelischen Dörfern gesammelten Liedern zusammenstellte und 1835 erstmals veröffentlichte, ist seither zum finnischen Nationalepos aufgestiegen. Es schildert die Abenteuer dreier Freunde, des Zauberers Väinämöinen (der unübersehbar Tolkiens Gandalf ähnelt), des Schmiedes Ilmarinen und des Frauenschwarms Lemminkäinen, die mit der finsteren Louhi um die Wundermühle Sampo streiten, die ihren Besitzer unfassbar reich macht.

          Später schufen finnische Maler wie Akseli Gallen-Kallela große Bilderzyklen nach Motiven des Kalevala, die größte Bank des Landes wurde „Sampo“ getauft, Jean Sibelius schrieb zahlreiche Instrumentalstücke zum Epos, und auch im Kosmos von Entenhausen ist der Stoff inzwischen angekommen – in einer Disney-Geschichte sucht Dagobert Duck die Goldmühle im mittleren Finnland.

          Wichtiges Zeugnis der literarischen Anfänge Tolkiens

          Tolkiens Nachdichtung der Kullervo-Episode, die leider Fragment geblieben ist, hat die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Verlyn Flieger bereits vor fünf Jahren in der kleinen Zeitschrift „Tolkien Studies“ ediert, zusammen mit zwei Vorträgen, die der Autor zwischen 1914 und 1920 hielt.

          Dass sie nun ein größeres Publikum findet, wird man begrüßen. Denn sie wirft nicht nur Licht auf die literarischen Anfänge Tolkiens, die massiv von der Rezeption älterer Texte bestimmt waren, sondern erweist sich auch als fehlendes Glied zwischen „Die Kinder Hurins“ und der Vorlage, Lönnrots Kalevala. In seiner Nachdichtung der Kullervo-Episode strich Tolkien diejenigen Motive heraus, die ihn interessierten, und überführte sie anschließend in die eigene Dichtung.

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