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J.D. Salinger : Sieh mehr, lies mehr, schreib nichts

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Stellte gute Zeugnisse aus: J. D. Salinger, 1951 Bild: AP

Vor vierzig Jahren zog sich J.D. Salinger, Autor des „Catcher in the Rye“, in die Einsamkeit einer Waldhütte zurück und verstummte. Seine letzte Novelle ist nie in Buchform erschienen - doch sie findet sich im Internet.

          Nur wenige Schriftsteller können es sich erlauben, jahrzehntelang kein Buch zu veröffentlichen, ohne dabei in Vergessenheit zu geraten. Im Falle des Amerikaners Jerome David Salinger bewirkte sein völliger Rückzug aus der Welt sogar das Gegenteil: Er wurde für seine Fans immer interessanter.

          Am 1. Januar 1953, anderthalb Jahre nach dem Erscheinen seines einzigen Romans, „The Catcher in the Rye“, am 16. Juli 1951, entfloh er dem Rummel um seine Person, indem er sich aus dem geschäftigen New York, wo er 1919 geboren wurde, in die Einsamkeit einer Waldhütte in Cornish, New Hampshire, zurückzog.

          Keine Fotos, keine Lesungen

          Mit gerade mal 34 Jahren hatte er beschlossen, dem Literaturbetrieb als Person nicht länger zur Verfügung zu stehen. Folglich gab es keine Interviews, keine Fotos, keine Lesungen. Vertreten durch die Agentur Harold Ober Associates Inc. in New York, gingen Anwälte sogar juristisch gegen jeden Eingriff in seine Privatsphäre vor und ließen dem unerwünschten britischen Biographen Ian Hamilton 1987 das Zitieren aus Salingers Briefen verbieten.

          Gleichwohl versorgte dieser die Leser des Magazins „The New Yorker“, bei dem er 1948 mit „A Perfect Day for Bananafish“ debütiert hatte, weiter mit Geschichten, zeugte mit seiner Frau Allison Claire Douglas die Kinder Margaret Ann (geboren 1955) und Matthew Robert (geboren 1960) und veröffentlichte - wieder bei Little, Brown and Company in Boston - drei weitere Bücher: „Nine Stories“ (1953), „Franny and Zooey“ (1961) und „Raise High the Roof Beam, Carpenters; and Seymour: An Introduction“ (1963). Auf deutsch erschienen die „Neun Erzählungen“, „Franny und Zooey“ und „Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute, und Seymour wird vorgestellt“ bei Kiepenheuer & Witsch.

          Lang anhaltendes Schweigen

          Des Dichters Verstummen vor vierzig Jahren kam also nicht ohne Vorwarnung, letztlich aber doch unerwartet: Als Salingers Hausblatt „The New Yorker“ in seiner Ausgabe vom 19. Juni 1965 die Novelle „Hapworth 16, 1924“ aus dem Zyklus über die Glass-Familie abdruckte, ahnte niemand, daß dies bis heute seine letzte literarische Wortmeldung sein sollte. Seitdem hören wir aus Cornish nur noch ein lang anhaltendes Schweigen des heute sechsundachtzigjährigen Autors.

          „Ich schreibe nur noch zu meinem eigenen Vergnügen“, gestand Salinger 1974 in einem seiner raren Statements gegenüber Lacey Fosburgh von der „New York Times“ und brachte seinen Kummer über den Raubdruck seiner frühen Geschichten zum Ausdruck. „Ich wollte, daß sie eines perfekten natürlichen Todes sterben.“ Im Telefongespräch mit der Reporterin betonte er, daß im Nichtveröffentlichen „ein wunderbarer Friede“ liege. Wie ein Niesen in der Kirche störten in den vergangenen Jahren allein seine Ex-Geliebte Joyce Maynard und seine Tochter Margaret Ann mit Erinnungsbüchern über ihre Zeit mit dem Eremiten diese Ruhe.

          Gespreizte Gedanken

          Die Titelseite des „New Yorker“ schmückte an jenem Samstag im Juni 1965 eine romantische hellblau-rosafarbene Zeichnung des Kinderbuchillustrators William Steig. Inmitten hüfthoher Blumen lehnt ein verliebtes Paar an einem Baum. Der innige Kuß, den sich die beiden geben, läßt sie die Welt ringsum vergessen. Auch der Autor scheint zu diesem Zeitpunkt - er ist jetzt 46 Jahre alt und seit 25 Jahren im Geschäft - kaum mehr an seine Leser gedacht zu haben. Bei „Hapworth“ handelt es sich um einen einzigen langen, kaum enden wollenden, abschweifenden Brief von Seymour Glass, ergänzt allein um eine kurze Vorbemerkung seines zwei Jahre jüngeren Bruders Buddy. Von der saloppen Sprache Holden Caulfields aus dem „Fänger im Roggen“, der so gern fluchte, sind Seymours gespreizte Gedanken weit weg.

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