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Italienischer Erfolgsroman : L’Architettrice

In San Luigi dei Francesi, der französischen Nationalkirche nahe der Piazza Navona in Rom, hat Plautilla Bricci eine barocke Kapelle gestaltet. Bild: Picture-Alliance

Das Wort findet sich in keinem Wörterbuch, derzeit aber stapelweise in jeder Buchhandlung. „L’Architettrice“, der neue Roman von Melania Mazzucco, zählt in Italien zu den Büchern der Saison. Er feiert Plautilla Bricci.

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          Der Architekt heißt im Italienischen „L’Architetto“. Und die Architektin auch: „L’Architetto“. Der Begriff, ein generisches Maskulinum, bezeichnet Personen unabhängig von ihrem Geschlecht. Eine Diskussion, dass die Frauen damit unsichtbar blieben oder gar ausgeschlossen würden, hat das nicht ausgelöst; von Zeichen und Signalen wie dem Genderstern, dem großen Binnen-„I“ oder dem Unterstrich werden italienische Sprache und Schrift verschont. Zwar ist inzwischen auch „L’Architetta“ geläufig, aber das ist deutlich seltener und vom Streben nach politischer Korrektheit wenig belastet. Andere Personenbezeichnungen haben ein Suffix, das das Femininum markiert, etwa pittore-pittrice (Maler-Malerin) oder scultore-scultrice (Bildhauer-Bildhauerin). Dagegen findet sich „L’Architettrice“ in keinem Wörterbuch, derzeit aber stapelweise in jeder Buchhandlung.

          Denn „L’Architettrice“ heißt der neue Roman von Melania Mazzucco, der in Italien zu den Büchern der Saison zählt. Erfunden hat die Autorin, die schon mit mehreren Künstlerromanen, so über Tintoretto und über Balthus, hervorgetreten ist, den Titel nicht, vielmehr entdeckte sie ihn in einem ABC-Buch des Bibliographen Pellegrino Orlandi aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert, der damit Plautilla Bricci (1616 bis 1705) apostrophierte und als Ausnahmeerscheinung herausstellte.

          Aus einer Künstlerfamilie stammend, war die Römerin erst die vierte Frau, die in ihrer Heimatstadt um ein Altargemälde gebeten wurde, und die erste Frau überhaupt, die den Beruf des Architekten praktizierte. Sie wurde als Ehrenmitglied in die Akademie von San Luca aufgenommen, arbeitete mit Gian Lorenzo Bernini zusammen und war mit Elpidio Benedetti befreundet, dem Kunstagenten von Kardinal Mazarin und später von Ludwig XIV., der ihr Aufträge erteilte. In San Luigi dei Francesi, der französischen Nationalkirche nahe der Piazza Navona, hat sie eine barocke Kapelle gestaltet, ihr wichtigstes Gebäude aber ist die 1663 vollendete Villa Benedetta, die wegen ihrer Schiffsform auch Villa del Vascello genannt wird, auf dem Gianicolo-Hügel in Trastevere, ein avanciert konstruierter Palazzo mit kurviger Fassade, der 1849 weitgehend zerstört wurde.

          Doch auch bessere Kunstführer kennen Plautilla Bricci nicht, das Leben der Architektin ist genauso in Vergessenheit gefallen wie ihre einzigartige Berufsbezeichnung. Ausgehend von dem Wortfund, hat Melania Mazzucco das in ihrer Biographie nun korrigiert: Breit angelegt und kulturgeschichtlich aufsehenerregender als literarisch, führt sie durch das Rom des siebzehnten Jahrhunderts, zur Zeit Christinas von Schweden, des Papstes Alexander VII. und der Pamphilj. Deutsche Leser wird im Falle einer Übersetzung des Buchs das Porträt einer harten Stadt voller Kunst und Gewalt, Prunkliebe und Elend, Intrigen und Machenschaften erwarten. Und man darf darauf gespannt sein, wie der Titel ins Deutsche gebracht wird.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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